von Andrea Karminrot | Okt. 21, 2018 | Backbuch, Kochbuch, Leicht, Rezension, Sachbuch |
Sinnlich,…
… so könnte man es beschreiben, wenn man sein erstes Brotbackabenteuer begeht. Lutz Geißler ist einer der führenden Brotbäcker in unserem Land. (Manche reden sogar von Brotbackpabst oder gar -gott. Das hört er aber nicht so gerne) Dafür, beschreibt Judith Stoletzky ihn und seine Arbeit mit sinnlichen Worten. In dem kleinen Büchlein über den Sauerteig, und wie es sich anfühlt, den perfekten Sauerteig, bzw. das perfekte Brot zu backen, kommt man auf seine kosten.

Glück
„ca. 750 g Glück“ so heißt das kleine Buch. Es sind nicht viele Seiten und es läuft über vor Glück und Sinnlichkeit. Man braucht nicht viel, um Glücklich zu sein. So behauptet der ehemalige Geologe. Er selber, ist eher wortkarg und genießt einfach nur das Glück, machen zu können, was er liebt. Das Glück in Worte zu fassen, überließ er lieber Judith Stoletzky. Und sie beschreibt es mit so viel Witz und Freude, dass man nicht anders kann, seinen eigenen Sauerteig anzusetzen. Ihn zu füttern und mit freudigen Blick auf das Schraubdeckelglas zu schauen, „er ist wieder gewachsen“, zu denken. Ich selber habe es ausprobiert und mich an seinem Geruch erfreut. Schon einige Sauerteige, wollten nicht in meinem Haushalt leben. Aber nach der Anleitung von Lutz Geißler, mit der besonderen Note, einen Bezug und Glück zu empfinden, ist mir der Sauerteig unserer Familie gelungen. Ich hoffe, er begleitet mich nun eine Weile. Denn je älter er wird, der Sauerteig, um so gefälliger, bringt er mich zu dem perfekten Brot.

Rezepte
Wirst du nicht viele auf den 100 Seiten finden. Dafür aber eine Anleitung zu dem Sauerteig, den du pflegen und füttern darfst. Ein einziges Rezept, zu einem besondern Roggenbrot, das du lieben wirst. Und sonst so viele lebensbejahende Texte, dass dir das Herz übergehen wird. Denn das Kneten des Teiges, ist Glück, Sinnlichkeit, Genuss! Gefühlvoll und liebevoll, wird dir Einblick gewärt, in die Brotbackkunst. Du wirst zu einem geduldigen und schöpferischen Wesen, das sich an jedem neuen Laib erfreuen kann. Kannst du dich noch an den Duft vom frisch gebackenen Brot erinnern. Damals, als Bäcker noch selber gebacken haben und die ganze Straße nach Brot roch? Kindheit unverfälscht.

Viel braucht es nicht
Die Texte sind witzig und flott lesbar. Anfangs, hatte ich mich geärgert, dass so wenige Rezepte in diesem Buch zu finden sind. Aber das war dann auch gar nicht mehr wichtig. Erheiternd, las ich von der Kunst einen Sauerteig aufzuziehen und ihn in das Leben zu integrieren. Könntest du dir vorstellen, mit deinem Sauerteig in der Hängematte zu liegen oder ihn mit in den Urlaub zu nehmen? Schmunzelnd und laut lachend las ich die Texte.
Die Bilder, in dem 100 Seiten starken Büchlein, sind von Hubertus Schüler mit einer selbstgebauten Lochbildkamera gemacht. Keine gestochen scharfen, eher verpixelt und unscharf, bekommen wir einen interessanten Blick auf Brot und Sauerteig.
Wenn ich den nächsten unglücklichen Menschen treffe, bekommt er von mir diese Buch zu lesen. Vielleicht, schafft er sich dann einen Sauerteig an und wird wieder glücklich!
ca. 750 g Glück
von Judith Stoletzky und Lutz Geißler
Photograph Hube
ISBN: 9783954531592
Fester Einband
100 Seiten
Verlag Becker Joest Volk
Mehr über Brot, kannst du hier nachlesen
von Andrea Karminrot | Okt. 7, 2018 | Nachdenklich, Rezension, Roman |
Die Zurückgekehrte
Ich habe gerade das Buch Arminuta [die Zurückgekehrte] zu Ende gelesen, das mich sehr begeistert hat. Kaum mochte ich es aus der Hand legen. Die wunderschöne Sprache von Donatella Di Pietrantonio verzauberte mich vollkommen. Sätze ließen Bilder im Kopf entstehen, die zart, poetisch und schön waren, gleichzeitig Wut und Hilflosigkeit vermittelten.

Arminuta
ist die Zurückgekehrte. Sie wurde als Baby an ein Pärchen weitergegeben. Aber die rechten Eltern wollten das Kind zurück, als das Mädchen Dreizehn Jahre zählte.
Arminuta kannte ihre echten Eltern nicht und fand es furchtbar, ihre Familie der letzten Jahre verlassen zu müssen. Für das Mädchen wurde vieles anders. Die Jahre in dem gut situierten Haus sind vorbei und das Mädchen muss sich völlig umstellen. Sie teilt sich ein Bett mit ihrer kleineren Schwester und die Brüder schlafen in dem selben Zimmer wie die Mädchen. Alles ist so viel primitiver als in ihrer geschenkten Familie. Aminuta vermisst das alte Leben, die Eltern und ihre beste Freundin. Das Dorf in dem sie nun leben muss, ist so einfach und hat mit der Stadt am Meer kaum etwas gemein. Aber noch mehr als über die Verwahrlosung, in der sie jetzt leben muss, kommt die Zurückgekehrte mit der Zurückgezogenheit ihrer Leihmutter zurecht. An die gegebenen Umstände kann sie sich anpassen, aber was ist mit der „Mutter“?
„Ich kannte keinen Hunger und lebte wie eine Fremde unter Hungernden…“ Seite 128
Zusammenhalt
Arminuta findet eine besondere Freundin in ihrer kleinen Schwester Adriana, die so viel mutiger scheint als die große Schwester. Erst nach einiger Zeit begreift Arminuta, wie verschieden Liebe und Zusammenhalt aussehen kann. Sie bleibt immer unter einem Schutzmantel ihrer Leihmutter, die dafür sorgt, dass es dem Mädchen an nichts mangeln soll. Doch Wut über das Verlassenwordensein, lässt das große Mädchen ungerecht werden.
„…was für ein Ort eine Mutter ist! …eine Zuflucht, Gewissheit..“
Unglücklich, wusste das pubertierende Mädchen nicht mehr woher sie stammte.
Schwierig ist es nicht das Mädchen sympatisch zu finden. Donatella Di Pietrantonio gibt einem die Möglichkeit zu träumen und durch die zarten Sätze Gefühle zu entwickeln, die es schwer machen, das Buch auch nur eine Minute aus der Hand zu legen. Ich habe die 224 Seiten an einem Tag gelesen.

Die Autorin und ihre Übersetzerin
Die Autorin stammt aus den Abruzzen und lebt heute in der Nähe von Pescara. Sie hat mit ihren Romanen einige Literaturpreise gewonnen. Perfekt ist die Übersetzerin Maja Pflug. Sie wurde schon sehr oft gelobt, „Maja Pflug ist eine der verdientesten Übersetzerinnen aus dem Italienischen. Als deutsche Stimme von Natalia Ginzburg, Cesare Pavese und Fabrizia Ramondino hat sie große literarische Vielfalt und stilistisches Können bewiesen …“(Autorenprofil Kunstmann-Verlag) Seit Dreißig Jahren übersetzt sie italienische Literatur.
Arminuta
von Donatella Di Pietrantonio
Kunstmann-Verlag
ISBN: 978-3-95614-253-6
224 Seiten

Hier kann ich noch ein Buch aus Italien empfehlen.
von Andrea Karminrot | Okt. 2, 2018 | Buch des Monats, Linkparty |
Die Bücher die ich im Oktober lesen will
Machen wir doch einfach mit dem Oktober weiter. Welches Buch stellst du mir in diesem, hoffentlich noch schönen, Herbstmonat vor. Mein Plan sieht folgendermaßen aus. Das Buch von Paulo Coelho, „Hippie“ ist schon angelesen. Nachdem ich mir „Der Platz an der Sonne“ schon sehr gut gefallen hat, aber die Sprache eine eher ruppige und rotzige war, musste ich mich an den Schreibstil von Coelho erst wieder gewöhnen. Es macht richtig Freude den jungen Paulo zu begleiten, denn das was geschrieben steht, ist tatsächlich geschehen. Ich bin jetzt schon fasziniert…

„ca. 750 g Glück“ Ist erst heute bei mir eingezogen. Ich habe es schon durchgeblättert und werde mich gleich an die Erprobung dieses Buches machen. Denn dabei geht es um den Sauerteig. Aber auch um noch viel mehr.
Ein interessantes Buch verspricht auch „Arminuta“ zu sein. Eine verzwickte und ungewöhnliche Familiengeschichte von Zugehörigkeit und Verantwortung. Ich habe schon ein paar Rezensionen gelesen und bin total gespannt, was mich dabei erwartet. Poetisch und Zart soll es sein.
Als alte Westberlinerin, musste ich mir „Mein kleiner Verrat an der großen Sache“ von einer Freundin schnappen. Das alte Berlin der Nach-68-Jahre. Dabei erzählt der inzwischen erblindete Autor, von Revolutionen und Klassenkämpfern. Er vermutet allerdings die richtige Sicht auf die Dinge nur wegen seiner Blindheit verloren zu haben. Ich bin gespannt.
Witzig wird bestimmt „Tante Poldi und die Früchte des Herrn“ Da wir bald mal nach Sizilien wollen, hat mir eine Nachbarin dieses Buch vor die Tür gelegt. Sie wünschte mir viel Spaß bei dem Buch und den werde ich wohl haben. Es ist ein Krimi aus der Tante Poldi-Reihe.
„Aber seh i etwa so aus, als ob i mir in die Hosen scheiß, wenn so ein daherg’laufener G’schwollschädel mir droht? I weiß fei schon, dass i kurz vorm Verfallsdatum bin. Doch so lange lass ich’s noch krachen.“ Amoremäßig und kriminalistisch
Das sind nun meine Pläne für den Oktober. Ich hoffe, mir kommt nicht allzu viel dazwischen. Wie sieht es denn bei dir aus. Was liest du gerade? Ich würde mich riesig freuen, wenn du bei meinem Buch des Monats teilnimmst.

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von Andrea Karminrot | Okt. 1, 2018 | Nachdenklich, Regionales, Rezension, Roman |
Frieden und Wohlstand
Wärst du bereit, alles stehen und liegen zu lassen, deine Familie zurück zu lassen und dich zu Fuß über die Alpen zu machen? Dir einen Platz an der Sonne (also Frieden und Wohlstand) zu suchen? Was muss geschehen, damit du dich ins Ungewisse aufmachst. Vor solchen Fragen stehen wir in unserem schönen Land nicht, in dem die „Sonne“ überall scheint. Aber wie ist es, wenn man nichts hat und ständig strampeln muss, um den Kopf über Wasser zu halten? Begreifen wir überhaupt, was ein Flüchtiger durchmacht?

Christian Torkler zieht seinen Roman sozusagen verkehrt herum auf. Sein Josua Brenner lebt in einem katastrophalen Berlin. Trotzdem Josua alles tut, um ein adäquates Leben führen zu können, werden ihm immer wieder massive Steine in den Weg gelegt. Es ist ein einfacher Trick des Autors, unseren Blick auf unser eigenes Land zu lenken, dafür aber sehr effektvoll. Du begreifst die Beweggründe des Flüchtenden ganz anders. Es ist näher, dichter, denn der Hauptakteur will ja aus deiner/unserer Heimat weg. Einer Heimat, die es nicht wert ist zu bleiben. Aber was treibt einen denn nun aus seiner Heimat? Wie ergeht es einem dann, wenn man auf der Flucht ist. Kann man jedem trauen? Wohin führt es, sein Leben hinter sich zu lassen, so ganz ohne Papiere.
worum geht es
Der Krieg in Deutschland war 1945 zwar vorbei, aber die Alliierten konnten sich über die Verteilung der Länder nicht einig werden. So kam es zu den nächsten Kriegen, die Deutschland komplett in Schutt und Asche legten und das Land in verschiedene (korrupte) Einzelländer, aufteilten. In dem maroden und herunter gekommenen Berlin wird Josua 1978 geboren. Er kennt es nicht anders, bequem und einfach gibt es nicht. Der Junge bekommt eine mäßige Schulbildung und nur weil seine Mutter nicht dazu in der Lage ist, ihm das Gymnasium zu bezahlen, muss Josua mithelfen, den Rest der Familie durchzufüttern. Josua macht einfach alles. Er ist sich für nichts zu schade. Nur auf zwielichtige Dinger, lässt er sich nicht ein.
Josua ist ein Machertyp. Er hat Ideen, die ihn vorwärtsbringen sollen. Ihm ein Leben ermöglichen sollen, das annehmbar ist. Aber das Schicksal hat einen anderen Plan. Er verliert, was er sich aufgebaut und was er geliebt hat. Josua sieht in der korrupten „Neuen preußischen Republik“ keinen Sinn mehr, so dass er sich entschließt, einen Neuanfang in den reichen afrikanischen Ländern zu machen. Aber dazu müsste er erst einmal dorthin gelangen. Es ist ein gefährliches Unterfangen und oft genug weiß Josua, dass es nicht richtig ist. Natürlich hat er keine Papiere, was alles nur noch schwieriger macht.
Am Anfang des Buches sitzt Josua in einem vergitterten Raum. Er soll seine Geschichte aufzuschreiben. Und genau so liest sich die Geschichte dann auch. Josua ist ein einfacher Mann, der mit der Berliner Kodderschnauze sein Leben meistert. Im Grunde hat er nichts zu verlieren und keine Ahnung, was ihn auf dem andern Kontinent erwartet. Nur die Hoffnung, dass es ihm in dem reichen Afrika besser ergehen könnte. Er erwartet nicht einmal viel. Und Arbeiten, das kann er.
Mich hat dieses Buch begeistert. Die einfache Sprache und die Art, wie der Debütant Christian Torkler, die Geschichte aufzieht, haben mich in ihren Bann gezogen. Langsam und nur bruchstückhaft erfährt man von der Missere, die in Deutschland nach dem so und so vielten Krieg herrscht. Nur langsam begreift man, in welchen Verhältnissen die Menschen leben, die nicht zur Elite der Bevölkerung zählen. Ich hatte immer das Gefühl, ganz dicht an der Hauptfigur Josua dran zu sein. Ein Buch, das ich am liebsten jedem empfehlen würde, der gegen Flüchtige und Migration steht. Aber natürlich auch allen Anderen.
Christian Torkler
Verlag Klett-Cotta
ISBN 978-3-608-96290-1
Flüchtlinge gab es schon immer und wird es immer wieder geben. Dieses Buch hatte mich ebenfalls begeistert
von Andrea Karminrot | Sep. 21, 2018 | Bücher, Komödie |
Einfach mal abschalten und Spaß haben
Dann schnappe ich mir schon mal ein Buch, das Spaß verspricht. So etwas wie Landeierforschung. Was dabei heraus gekommen ist, das liest du hier…
Ab aufs Land
Anne ist alt genug, um endlich zu machen was sie will. Immerhin ist sie schon mitte Vierzig und Mutter eines 18 Jährigen Sohnes. Sie arbeitet mit ihrem Ex-Mann in einer Werbeargentur in Köln. Immer schon hat er bestimmt, was Anne toll finden soll. Aber damit ist jetzt Schluß! Aus Trotz, bucht Anne Urlaub auf dem Land, irgendwo im Nirgendwo, im Hessischen. Sie erwartet dort nichts und will ihrem Ex und ihren überheblichen Mitarbeitern beweisen, dass man keine Fernreisen machen muss. Ihr Ex fliegt nämlich mit seiner halb so alten, neuen Freundin, nach Südarmerika. Dabei passt Anne wirklich nicht aufs Land, mit ihren Stöckelschuhen und dem immer perfekten Äußeren.
Alles kommt dann anders, als sie es erwartet. Und sie macht Dinge, von denen sie gar nicht wusste, dass sie die überhaupt kann. Sie macht sich auf, in einen Selbstfindungstripp…
Seit langem mal wieder
Soll ich dieses Buch tatsächlich lesen? Ich war nicht ganz schlüssig, weil ich dachte, das ist doch wieder so ein blödes, „Jetzt-Musst-Du -Lachen-Buch“. Richtig gute Komödien zu schreiben, ist bestimmt auch nicht leicht. Humorig versuchen wirklich Einige. Ob es hier gelungen ist, kann ich nicht sagen, weil ich tasächlich schwer zu beeindrucken bin, was geschriebenen Humor angeht. Tatsächlich habe ich manchmal geschmunzelt, über die Situationen, in die Anne geraten ist. Dafür habe ich mich aber gefreut, dass sie sich von allem befreit hat, was ihr wie ein Klotz am Bein hing. Dass sie sich entwickelt hat und aus ihrem Barbiesein erwacht ist.
Die Autorin
Karin Spieker hat hier einen unterhaltsamen Roman geschrieben. Nicht unbedingt für männliche Leser geeignet. Was nicht heißen soll, dass ich ihnen davon abraten möchte. Wäre bestimmt auch für sie eine Erfahrung, in den Kopf von Anne hinein zu lesen.
Karin Spieker ist eine schreiblustige Autorin, deren Texte einfach Freude machen. Auf ihrer Homepage, stellt sich die Autorin auf eine sehr nette Art vor. Lese einfach mal rein!
Tatsächlich mochte ich gleich, meine Koffer packen und auch mal wieder ein paar Tage auf dem Land verbringen. Fernreisen, müssen tatsächlich nicht immer sein. Man kann hier auch schönes entdecken und erleben. Ob es dann allerdings so ausgeht wie bei Anne, das möchte ich bezweifeln.
Was mir allerdings überhaupt nicht gefällt, ist das Cover und der Titel. Bei beiden, würde ich das Buch nicht aus dem Regal nehmen. Ein anderes Buch, das auch sehr viel Spaß versprach, das findest du hier.

ISBN 3492501524
aus dem Piper Verlag
309 Seiten
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