Das Erbe der Altendiecks von Hendrik Lambertus

Das Erbe der Altendiecks

In dem Buch „Das Erbe der Altendiecks“ geht es um eine Uhrmacher-Familie aus Bremen. Als das Rathaus der Bremer 1766 eine neue Uhr braucht, sind es die Altendiecks, die sich um das Privileg bemühen, diese Uhr zu bauen. Doch sie sind es nicht allein, die durch den Bau der Rathausuhr in den Rat der Stadt aufgenommen werden wollen. Eine zweite Uhrmacherfamilie, die Grevens, die schon sehr viel länger im Geschäft sind, bemühen sich ebenfalls. Die Altendiecks bekommen am Ende den Zuschlag, sehr zum Missfallen der Grevens.

Drei Generationen leben unter dem Dach des Altendiecker Handwerkerhauses. Das Jüngste Mitglied ist Gesche. Eine aufgeweckte Zehnjährige, die ihren eigenen Dickschädel hat und sich Einiges in den Kopf setzt. Sie ist schlau und wird von ihrem Großvater Nicolaus in dem Handwerk der Uhrmacher unterrichtet, obwohl sie ein Mädchen ist und niemals eine eigene Werkstatt haben wird. „Vielleicht einmal als die Meisterin, weil sie einen Uhrmacher heiraten könnte“, bekommt Gesche von ihrer Schwester Clara an den Kopf geworfen.

Die Geschichte der Altendiecks zieht sich bis in das Jahr 1833. Gesche Altendieck erfindet einen Seechronometer, um den Seefahrern das Navigieren zu erleichtern. Doch sie ist eine Frau, und kann so etwas gar nicht! Nur durch eine Finte, kann sie den Seechronometer dem englischen Board of Longitude vorstellen.

Es wird in diesem historischen Roman geliebt, gekämpft, emanzipiert. Der Roman streift die Befreiung Bremens von den Franzosen. Außerdem bekommt man in dieser Geschichte einen Einblick in das Leben der Bremer zu Zeiten, bevor es Maschinen gab und in denen Frauen noch (überhaupt) keine Rechte hatten.

Was ich gelesen habe

Hendrik Lambertus, der Autor, nimmt den Leser mit in eine spannende Welt. Die weitgehendst fiktiven Figuren sind sympathisch, spannend und interessant beschrieben. Wie viel von der Geschichte wahr ist, bekommt man am Ende in einem ausführlichen Glossar erklärt. Auch das Nachwort des Autors ist interessant. Der Roman ist in vier Teile aufgeteilt. Was ich dabei sehr hilfreich fand, waren die Stammbäume an jedem Anfang der Abschnitte. So hatte man immer einen Überblick, wer die Hauptpersonen sind, welche dazu gekommen waren. Gesche begleitet den Leser den ganzen Roman über und wuchs mir ans Herz. Sie ist eine sehr eigensinnige und sture Person. Eine Frau die sich sehr wohl durch zu setzen vermag.

Hendrik Lambertus lebt übrigens mit seiner Familie in Bremen. Somit weiß er, wovon es schreibt und hat scheinbar sehr gut und genau recherchiert. Nach diesem Roman, muss ich wohl mal bald nach Bremen fahren, um mich dort umzuschauen. Vielleicht sehe ich ja einige „Nachkommen“ der Altendiecks und die übermenschen, große Uhr, die im Rathaus zu Bremen steht. Allerdings ist die nicht von den Altendiecks, sondern aus dem Jahre 1739 von dem bremischen Uhrmacher Georg Christoph Meybach gebaut worden. Diese Uhr inspirierte den Autor zu diesem Roman.

Autor Hendrik Lambertus
Verlag:  Rowohlt
640 Seiten
ISBN:  978-3-499-27608-8

Dieses Buch stelle ich gerne in das Mai-Buch-Regal

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Kleiner Löwe, Großer Mut

 

Kleiner Löwe, großer Mut

Der kleine Löwe Tobe hat mit acht Jahren ein Vorderbein durch ein Krokodil verloren. Aber das macht dem mutigen Kerl gar nichts, denn er geht damit völlig gelassen um. Es sind die Anderen, die Angst haben, dass der kleine Löwe es nicht ertragen könnte zu verlieren oder etwas nicht zu können. Tobe geht zu den anderen Löwen und brüllt mit ihnen um die Wette. Die brüllen besser nicht so laut, denn sie wollen Tobe nicht verlieren lassen. Doch der kleine Löwe findet das echt blöd und schimpft mit seinen Freunden, dass er ein Löwe sei und einen ordentlichen Brüllwettkampf wünscht. Und dann brüllt er wie noch nie. Seine Freunde fallen ebenfalls in das Brüllen ein und Tobe schnauft am Ende „geht doch“!

Und so geht es dem Löwen bei dem Nashorn, den Affen (die ihm eigentlich nur etwas Gutes tun wollten), bei den Geparden, beim schwimmen mit den Nilpferden… Alle wollen nur sein Bestes und schonen ihn. Auch wenn der kleine Löwe nur noch drei Beine hat, ist er doch immer noch ein prima Kumpel.

Das Buch macht kleinen Kindern wirklich Mut, sich in der Welt umzuschauen und sich auszuprobieren. Auch wenn sie vielleicht ein Handicap haben, das sollte sie nicht aufhalten. Irgendwie geht es doch. Der kleine Löwe macht es vor! Dann taucht er eben im Wasser unter, am Ende aber auch wieder auf. Die Geschichte rund um den kleinen Löwen ist wirklich sehr schön erzählt. Die Bilder sind nicht überladen und doch kann man eine Menge Extras darauf entdecken. Fast hätte ich es übersehen, dass der kleine Löwe „nur“ drei Beine hat.

Die Geschichte ist von Tom Belz. Sie ist sehr ansprechend zu lesen. (übrigens Tobe setzt sich aus Tom‘s Namen zusammen. Und warum ein Löwe? Das liegt wohl an der Löwenmähne, die der Autor selber hat!) Auch für einen Erwachsenen ein kleiner Hinweis darauf, dass Behinderungen kein Grund sind, jemanden wie ein rohes Ei zu behandeln. Jedermann ist eine Chance einzuräumen, sich zu beweisen. Tom Belz erzählt aus seinen eigenen Erfahrungen. Er hat mit acht Jahren selber ein Bein durch Knochenkrebs verloren. Fahrradfahren, Fußballspielen, waren aber nie ein Problem für den Offenbacher. 2018 bestieg er auf Krücken sogar den Kilimandscharo! Er ist ein Mutmachermensch, der auf öffentlichen Veranstaltungen auftritt. Auf Instagram und Co findet man ihn unter @tomnative Ein lustiger, motivationsgeladener Typ, der uns an seinem Leben teilhaben lässt.

Tom und die Illustratorinnen Caroline und Alexandra Helm, kennen sich schon lange. Sie sind sich einig, dass sie die Geschichte von Tom unbedingt Kindern zugänglich machen wollen, die in der selben Situation (Nöten) wie Tom stecken. Man traut ihnen nichts mehr zu! Nö, sie können alles, was sie wollen…

Ein Kinderbuch ab 4 Jahren
von Tom Belz
Illustriert von Caroline Helm und Alexandra Helm
32 Seiten
Verlag arsEdition
ISBN: 978-3-8458-3759-8

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Kochen wie in Japan, ein Kochbuch

Kochen wie in Japan

Ich liebe Kochbücher! Mein neuestes Buch, Kochen wie in Japan, zählt dabei ab heute zu einem meiner Lieblingskochbücher. Kaoru Iriyama inspiriert mit ihren Rezepten dazu, sich auch an die vermeintlich schwierige Küche Japans zu trauen. Dabei sind die Rezepte einfach und leicht nach zu kochen.

„So soll eine ideale Mahlzeit jeweils fünf Farben, Zubereitungsarten und Geschmäcker aufweisen und alle unsere fünf Sinne ansprechen. Diese Prinzipien der traditionellen japanischen Küche (»Washoku«) wurden 2013 von der Unesco zum Weltkulturerbe erklärt“

Solche Vorworte findet man zu jedem Kapitel. Kaoru Iriyama macht Lust, die leckeren Speisen in der eigenen Küche umzusetzen. Vorausgesetzt natürlich, man bekommt die Zutaten. (Wir in Berlin haben es da einfach, da wir große Asia-Supermärkte haben.) Die japanische Küche ist doch nicht so schwer umzusetzen, wie ich immer dachte. Die 60 Rezepte sind übersichtlich und gut erklärt. Ich freue mich schon auf das erste Kochvergnügen, sobald ich alle Zutaten zusammen habe.

Neben den tollen Rezepten erzählt die Autorin einiges über die Esskultur ihres Geburtslandes. Um bestimmte Gerichte ranken sich Geschichten und Sagen. Wie werden die Speisen und Mahlzeiten in Japan angerichtet und wie sieht es am Tisch der Japaner aus? Welches Verhalten legt man am besten an den Tag:

»Schwierige oder gar kontroverse Themen werden bei Tisch tunlichst vermieden – gepflegt wird eine respektvolle und friedliche Atmosphäre.«

Aber auch die Bento Boxen, die Snack-Pakete, sind ein Hingucker. Wenn unsere Kinder solche Frühstücks- Boxen mit bekommen würden, dann kämen die immer leer gefuttert zurück.

Zurück zum Kochbuch. Ein Kochbuch lebt natürlich nicht nur von den guten Rezepten, sondern auch von den schönen Bildern, die Appetit auf das Kochen machen sollen. Der Fotograf Joerg Lehmann setzt die Gerichte wunderbar in Szene.

Die Autorin hat von Koyama Hirohisa, einem Großmeister der japanischen Küche gelernt. Danach hat sie sich in einem renommierten Tokyoer Restaurant in ihrem Wissen gefestigt. Inzwischen wohnt sie in Berlin, gibt hier Kochkurse, berät in Kochfragen und veranstaltet Kochevents. Sie hat einen Japankochblog und man findet sie bei Instagram und Youtube.

»Itadakimasu« – was so viel bedeutet wie »Ich nehme dieses Essen dankbar zu mir«.

144 Seiten
Verlag GU
ISBN-13: 978-3-8338-7304-1

Andere Koch und Back-bücher findest du hier

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Das Tor, ein dystropher Roman

Das Tor

Das Tor ist mächtig. Es bestimmt das Leben der Menschen in einer Stadt des Orients. Die Einwohner haben für jegliche Veränderungen ein Formular einzureichen und sich nach den Wünschen des Tor‘s zu richten. Streng wird darauf geachtet, dass alles nach Plan läuft. Dazu gibt es Truppen die dafür sorgen, dass alles seine Richtigkeit hat. Und sie sehen alles. Wissen viel, sie verfolgen und beobachten, lauschen… (Ein Schelm der Böses denkt, oder Vergleiche zieht!)

Yahya wollte nur nachschauen, was es mit den „Aufständen“ zu tun hat, die viele Straßen weiter angesagt waren. Noch auf dem Weg dorthin wird er von einem Schuss niedergestreckt und wacht in einem Krankenhaus wieder auf. Dort würde ihn der Arzt Tarik gerne operieren, doch das geht nur, wenn das richtige Formular von dem Tor genehmigt worden wäre. Eine Operation würde den kritischen Doktor seinen Job kosten. Denn bei dem Geschoss handelt es sich um eine Kugel aus einem Staatsgewehr. Doch solche Wunden darf nur das Militärhospital behandeln.

Hoffnungslos

Das Tor ist aber zu. Die Menschen stehen tagelang davor. Es hat sich eine elendig lange Schlange gebildet. Eine Frau wollte nur ein Brot kaufen und hat sich mit dem Verkäufer verkracht, ein Formular würde Abhilfe schaffen, dass sie wieder Brot kaufen kann. Eine Lehrerin hat eine Schülerin einen kritischen Aufsatz in der Klasse vorlesen lassen. Daraufhin muss die Lehrerin eine Unbedenklichkeitsbescheinigung unterschreiben lassen. Völlig absurde Dinge müssen bestätigt und bescheinigt werden. Auch Yahya muss sich mit seiner Schussverletzung in die Schlange stellen. Trotz Schmerzen harrt er aus…

Menschen verschwinden aus der wartenden Menschenmasse und Reporter befragen die Ausharrenden. Es wirkt alles sehr beklemmend. Die Stadt ist ausgestorben und die Geschäfte teils geplündert, teils verschlossen. Der Schwarzmarkt blüht. Und immer mehr kann man seine Geschäfte in der Warteschlange erledigen. Der Glaube spielt dabei ebenfalls eine große Rolle. Gott bestraft die Ungläubigen…

Was ich gelesen habe

Mir viel der Einstieg in dieses Buch eher schwer. Das ist kein Buch, das man weglegen sollte. Kein Zwischendurch-mal-ein-paar.Seiten. Es sind die Zwischentöne in den Sätzen, die das Buch interessant machen. Vergleiche mit den Revolutionen in den arabischen Ländern, sind bestimmt beabsichtigt. Gut wäre es auch, würde man sich mit der Geschichte dort etwas auskennen. Verschleierte Kritik an den Systemen, der Willkür der Regime ist herauszulesen.

Und doch hat mich das Buch nicht gefesselt. Es blieb stets etwas zu überfrachtet. Die vielen fremd klingenden Namen, die Situationen in den die Protagonisten (und das sind einige) stecken, sind nicht immer nachzuvollziehen. Die Autorin schreibt endlose Sätze, die man immer wieder lesen muss, um sie zu verstehen. Es fehlte mir der Zusammenhang und der rote Faden, der mich durch dieses Buch zog.

Die Autorin

Basma Abdel Aziz wurde 1976 in Kairo, Ägypten, geboren. Sie arbeitet als Künstlerin, Schriftstellerin und Psychiaterin, wobei sie auf die Behandlung von Folteropfern spezialisiert ist. In ihrer Heimat setzt sie sich unermüdlich für den Kampf gegen Unterdrückung und Verletzung der Menschenrechte ein. Für ihr literarisches Schaffen wurde sie bereits mehrfach ausgezeichnet. Die Autorin lebt in Kairo. (Random House Verlag)
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Aus dem Arabischen von Larissa Bender
Originaltitel: (The Queue)
Originalverlag: Dar Altanweer
288 Seiten
Dieses Buch verlinke ich bei Monerl’s bunte Welt und bei den Mai-Büchern
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Ach Virginia {eine Rezension}

Ach Virginia

Wer kennt sie nicht, Virginia Woolf? Eine Schriftstellerin und Verlegerin, die für so manche Texte in der Frauenbewegung der Siebziger Jahre verantwortlich war. Aber wer war diese Virginia Woolf eigentlich wirklich. In London am 25. Januar 1882 in eine wohlhabende Intellektuellen-Familie hinein geboren, nahm sie sich am 28. März 1941 das Leben. Sie schrieb unzählige Romane. Viele erzählten unterschwellig aus ihrem Leben.

In dem Buch Ach Virginia, beschreibt der Autor Michael Kumpfmüller die letzten zehn Tage im Leben von Virginia. Eine Frau, die in tiefen Depressionen steckt und mit ihrem Leben abgeschlossen hat. Dabei ist sie noch verhältnismäßig jung. Hat ein gutes Leben auf dem Land, in einem wunderschönen Cottage mit ihrem Ehemann Leonard. Leonard liebt sie, obwohl die Ehe eher schwierig scheint. Er versucht alles, um seiner Frau Lebenswillen und -freude zu vermitteln. Aber alles lastet wie schwere Steine auf der Seele von Virginia. Sie lebt zwar mit Leonard, aber Liebe war es wohl nie, die sie an ihn gebunden hat. So zumindest vermittelt es das Buch. Virginia schien sich mehr zu Frauen hingezogen zu fühlen. 10 Tage. Das Ende einer großen Schriftstellerin.

Michael Kumpfmüller berichtet mit einer schönen Wortwahl über Virginia. Das Gedankenkarussell der Frau und ihre Empfindungen, ziehen den Leser in seinen Bann und stoßen zugleich ab. Mich haben die Gedanken der Schriftstellerin fast ebenso in eine Depression gezogen, welche die Hauptakteurin durchlebte. Schwierig, wenn man selber für solche Düsternis anfällig ist. Manchmal musste ich das Buch beiseite legen, um wieder zu Atem zu kommen.

Die letzten 10 Tage

Virginias Leben war nicht einfach und vieles in dem Roman deutet darauf hin, dass die Schriftstellerin schlechte Erfahrungen mit Männern gemacht hat. Leonard, ihr Mann ist so aufmerksam, kümmert sich und versucht seine Frau zu retten. Doch Virginia will sich nicht retten lassen. Ihr ganzes Streben besteht darin, sich das Leben zu nehmen. Schlaflos und überreizt wirkt Virginia auf den Leser. Psychisch überlastet zieht es die Frau in Richtung Tod. Immer wieder versucht sich die Autorin in ihren Erinnerungen und Tagebüchern wieder zu finden. Fühlt sich von den Besuchen ihrer Schwester Vanessa belästigt und doch versöhnt. Sie unterhält sich mit Gespenstern und sucht die Nähe, sowie die Entfernung zu ihrem Mann. Gaukelt ihm Normalität vor.

Kupfermüller beschreibt ein Leben, das verwirrt, mit Gespenstern behaftet und von (Alb-) Träumen zersetzt ist. Am Ende stand ich selber verwirrt da und habe mir die Geschichte Virginia Woolf‘s im Internet heraus gesucht. Ob ich den Roman wirklich gut fand, das kann ich nicht sagen. Für den, der es erträgt, ist der Roman bestimmt gelungen.

Verlag: Kiepenheuer&Witsch
240 Seiten
ISBN: 978-3-462-04921-3
von Michael Kumpfmüller

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Rückkehr nach Birkenau {Rezension}

Rückkehr nach Birkenau

Es ist nur ein kleines Büchlein, Die Rückkehr nach Birkenau. Aber die wenigen, 124 Seiten sind so eindrucksvoll, dass man schwer schlucken muss, wenn man sie liest. Ginette Kolinka ist erst 19 Jahre alt, als sie von den Deutschen in das Lager Auschwitz-Birkenau verschleppt wird. Sie beschreibt, wie sie dort ankam, welche Erniedrigungen sie ertragen musste und wie sie sich dort mehr schlecht als recht durchschlug. Sie hatte mehr Glück, als ihr Vater, der kleine Bruder und der Neffe, die am selben Tag wie Ginette deportiert wurden. Weil das Mädchen dachte, es wäre besser für die Drei mit dem LKW den langen Weg zum Lager zurück zu legen, schob sie sie in Richtung des Transporters. Hätte sie gewusst, dass der Transport zur Gaskammer ging, hätte sie es bestimmt nicht getan.

Ginette erträgt es, dass man sie auffordert sich nackt auszuziehen, dabei wird ihr bewusst, dass sie ihre Schwestern, mit denen sie sich ein Zimmer zu Hause geteilt hatte noch nie nackt gesehen hatte. Ihr werden die Haare geschoren und sie nimmt es hin, dass sie ab jetzt wohl ohne Unterwäsche leben muss. Genauso wie den Schmutz, den Gestank, die Erniedrigungen, Schläge, den Hunger….

Ginette Kolinka kommt frei. Sie überlebt die Grausamkeiten. Die junge Frau kehrt nach Paris, zu ihrer Mutter und den Schwestern zurück und schweigt über ihre Erlebnisse. Sie meint damit niemanden belasten zu wollen, es will ja doch keiner hören. Erst 40 Jahre nach ihrer Befreiung besucht sie Birkenau/Auschwitz. Sie kann das Lager aber nicht wiederfinden, denn heute ist es aufgeräumt, es fehlen der Gestank, das Gedränge, die ausgemergelten Menschen. Sie sieht nur noch gepflasterte Wege und merkt, dass hier alles Falsch wirkt. Die Besucher vertsehen gar nicht, welches Ausmaß das Lager hatte, welches Grauen den Baracken innewohnt. Welche Erniedrigungen die Gefangenen ertragen mussten. Doch für Ginette war das Lager immer der pure Hunger.

Erst nachdem Steven Spielberg, auf der Suche nach Zeitzeugen bei ihr anrief, schreibt sie ihre Erinnerungen auf. Sie war plötzlich gezwungen sich an das Leben im Lager zu erinnern. Sie erzählt in kurzen Kapiteln aus der Erinnerung heraus, was sie erlebt hat, wie es zur Deportation kam, wie sie ihre Kindheit verlebt hat. Immer wieder springt sie in den Zeiten. Was dazu führt, dass manches Kapitel sehr spontan endet und man sich fragt, wie geht es weiter. Aber genau das macht dieses Buch ein Stück weit aus.

Das Ebook

Ich habe das Buch als E-Book gelesen und dachte schon ich hätte nicht den kompletten Text erhalten. Bei einem Besuch bei meinem Buchdealer, habe ich die Seiten des Büchleins durchgeblättert und festgestellt, dass es genau so sein muss. (Es wäre nicht das erste Mal, dass mich ein E-Book irritiert hätte).

Aber das was man zu lesen bekommt, lässt einen sehr Nachdenklich zurück. Wie die Deportierten sich gefühlt haben müssen, wie erniedrigt. Ginette Kolinka ist keine Schriftstellerin, sie erzählt aus dem Bauch heraus, wie man ein Tagebuch nach 40 Jahren schreiben würde. Es hat mich sehr berührt und entsetzt. So wird man in die Lage der Gefangenen versetzt und das öffnet Augen. Diese Buch sollte als Pflichtlektüre in den Schulen auf dem Plan stehen. Es sollte die Schüler zu Diskussionen anregen und dann mit dem Besuch in den Lagern enden. Mit den Bildern vor den Augen würde sich ein aufgeräumtes Lager in das verwandeln, was Ginette Kolinka gesehen und erlebt hat.

Die Pariserin Ginette Kolinka führt mit über 90 Jahren, immer noch Schüler durch Auschwitz. Sie beantwortet die Fragen der jungen Leute und erzählt von ihrem Leben zwischen den Baracken.

von Ginette Kolinka
Übersetzer/in Nicola Denis
124 Seiten
Aufbau Verlag
978-3-351-03463-4

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