Feine Risse

In dem Buch Feine Risse erzählt die Strafverteidigerin Eva Herbergen von ihren vergangenen Fällen. Nebenschauplatz ist die Beziehung zu ihrem Lebensgefährten Peter. Beide sind nicht mehr ganz jung und denken schon über ihren Ruhestand nach. Doch irgendein Geheimnis scheint beide zu belasten.

Feine Risse

Mit ihrem Roman Feine Risse, hat mich Elisa Hoven überzeugt, dass ich ihre anderen Bücher auch noch lesen sollte. Mir gefällt ihr neustes Buch sehr. Die Geschichten der vergangenen Fälle beginnen immer wieder mit dem Opfer. Wie es sich gefühlt hat, wie es zu dem Ort gelangt ist, an dem es zu der Katastrophe kam. Damit hat man schon einen Bezug zu dem Opfer und dann übernimmt die Strafverteidigerin den Fall. Nebenbei lösen sich bei der Verteidigerin auch noch ihre eigenen „verlegten“ Probleme. Spannend fand ich allerdings den Zweifel. War die Entscheidung nun richtig? Hätte man da nicht noch ein bisschen mehr forschen müssen und dann am Ende eine Lösung, die nicht wirklich glücklich war. Wie nah sind sich Ethik, Moral und Recht wirklich? Und wie vereinbart man das als Verteidiger mit seinem eigenen Gewissen?
Ein spannender Roman. Jeder einzelne Fall wirkt wie eine Kurzgeschichte ist aber durch die häuslichen Probleme des Ehepaares Herbergen miteinander verbunden.

Gespräch mit einem Anwalt

Erst vor kurzem habe ich mich mit einem befreundeten Anwalt unterhalten, den ich gefragt habe, wie man das mit seinem Gewissen vereinbaren kann, wenn man Jemanden heraus boxt, der vielleicht doch Schuldig sein könnte. Als Anwalt hat man ja nur die Fakten, die gefunden werden. In den Kopf des „Täter“ kann man nicht hineinsehen, die Gedanken lesen. Die Antwort unseres Freundes blieb für mich nebulös. Es ist Schwierig zu sagen, hat er mir gesagt. Manchmal ist es eine monetäre Entscheidung, manchmal glaubt man an die Unschuld, manchmal wird man eingelullt. Aber am Ende entscheidet ja nicht der Anwalt auf unschuldig oder schuldig, sondern die Richter und Schöffen.Wie auch immer muss ich diesen Menschen die den Beruf des Anwaltes mit einem Gewissen ausüben, wirklich meinen Respekt zollen. Welche Abgründe sich da manchmal auftun …

Aber zurück zu dem Buch. Ich habe es sehr gerne gelesen. Es zieht sich nicht, ist nicht mit unnötigem Geschreibsel belastet und man mag einfach nur noch wissen, was sich dahinter verbirgt. Auch die behandelten Fälle ähneln sich nicht, es kommt immer wieder ein neuer Aspekt, eine neue Geschichte. Was ich auch mochte war, dass die Anwältin Eva Herbergen sich selber infrage stellt, ob sie die richtigen Entscheidungen getroffen hat. Sie ist eine gute „Schnüfflerin“ und doch weiß sie, dass ihr Fehler unterlaufen. Elisa Hoven schreibt Romane aus dem Leben, denn sie ist Professorin für Strafrecht an der Universität Leipzig und Richterin am Sächsischen Verfassungsgerichtshof. Ob sie sich da ihre Inspirationen holt?

Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen und wie schon oben erwähnt werde ich mich nach dem ersten Buch Dunkle Momente umsehen. Von uns bekommt der Roman 🐭🐭🐭🐭

 

Feine Risse

geschrieben von Elisa Hoven
aus dem S. FISCHERVerlag
ISBN: 978-3-10-397751-6
288 Seiten 

Fräulein Gold, Nacht über der Havel

Fräulein Gold ist eine meiner literarischen Lieblings-Figuren. Ich mag Hulda Gold, ihre flapsige Berliner Gören-Art und dass sie es nicht lassen kann, sich immer wieder bei allem einzumischen was sie eigentlich nichts anzugehen hat. Vor allem, wenn es wieder einen Kriminellen Fall zu lösen gibt. Fräulein Gold, Nacht über der Havel ist nun schon das siebte Buch über die Hebamme von Berlin, welches von Anne Stern geschrieben wurde. Ich habe fast alle Bücher über die Hebamme von Berlin gehört und bin wirklich begeistert wie aus der jungen Frau eine starke Persönlichkeit geworden ist. Aber auch die andren Charaktere sind mit jedem Buch gewachsen.

Fräulein Gold, Nacht über der Havel

Anne Stern hat eine unglaubliche Art ihren Figuren Leben einzuhauchen. Wie gesagt, das ist inzwischen schon das siebte Buch, welches ich über die Hebamme höre. Die Geschichten spielen von Anfang der 1920 Jahre bis zum letzten Buch 1930. Hulda hat ein kleines Mädchen geboren und arbeitet auch zu ihrem Leidwesen nicht mehr als Hebamme. Wie sollte sie sich sonst auch um ihre Kleine Meta kümmern? Es gibt zwar einen Kindergarten, in den die Kleine auch sehr gern geht und Hulda ihren derzeitigen Lebensgefährten kennengelernt hat.  Aber wenn eine Frau des Nachts ihr Kind bekommen sollte, dann muss Hulda die Nachbarin fragen, ob sie auf ihre Tochter aufpassen kann. Und das ist eben nicht immer so einfach.

Die Braunhemden machen sich immer mehr in der Stadt breit und es wird nicht einfacher, die Wirtschaftskrise hält so manchen Haushalt in Atem und die Kinder zieht es in die Jugendgruppen, die sich allerorts bilden. In einer solchen Gruppe kommt es zu einem Todesfall und wie sollte es anders sein, Hulda kennt das Mädchen, dessen Freund zu Tode kommt. Die Hebamme muss sich natürlich in den Fall hineinknien.

Ohrenschmaus

Das Hörbuch wird von Anna Thalbach gelesen und ist einfach ein Ohrenschmaus. Anna Thalbach liest das Buch so mitreißend, dass ich manches Mal ganz vergesse, dass wir schon 2026 haben. Sie gibt der Stadt den alten Anstrich und wenn ich dann durch die Straßen gehe, habe ich das Gefühl ich könnte Hulda treffen. Anna Thalbach verstellt manchmal ein bisschen ihre Stimme und spricht im alten Berlinisch. Sie betont an den richtigen Stellen. Ich könnte ihr Stundenlang zuhören. Sie ist die beste Besetzung als Sprecherin für diese guten und spannenden Bücher.
Auch Anne Stern weiß worüber sie schreibt, sie kennt unsere Stadt Berlin sehr gut. Die Hebamme arbeite und wohnt in Schöneberg am Winterfeldplatz. Ich kenne mich dort sehr gut aus und bin immer wieder erstaunt, dass Anne Stern die Gegend so gut kennt und ich habe die Akteure in den Cafés und Plätzen direkt vor den Augen.

Wer Spaß an Geschichten und Krimis aus dem alten Berlin hat, wer es mag, wenn eine gute Sprecherin eben diese Geschichten vorliest und den Hörer in die Vergangenheit zieht, der ist bei den Hörbüchern von Anne Stern und Anna Thalbach sehr gut aufgehoben.
Rubi und ich geben diesem Hörbuch 🐭🐭🐭🐭 Muss man gehört haben.

 

Die Hebamme von Berlin, Nacht über der Havel

geschrieben von Anne Stern
gelesen von Anna Thalbach
Argon Verlag
7 Stunden 50 Minuten
ISBN: 978-3-8398-2141-1

Pina fällt aus

Pina fällt aus, dabei darf das gar nicht passieren. Pina muss funktionieren, wenn sie ausfällt, dann ist die Versorgung eines jungen Mannes gefährdet. Leo ist zwanzig Jahre alt. Schon als Kindergartenkind fiel auf, dass er anders ist. Er hat nicht gesprochen, hat vieles anders gemacht als seine Altersgenossen und auch später machte er Dinge, die nicht üblich waren. Pina wuchs mit ihren Aufgaben und kennt jede „Macke“ ihres Sohnes. Erst wenn die grüne Blase in der Lavalampe aufsteigt, steht auch Leo auf. Er hat Phasen, was er am liebsten isst (dann aber auch nur das und nichts anderes!). Er geht die Treppe zwei Stufen hinab und eine zurück. Das kann schon mal an den Nerven zerren. An Pinas Nerven. Pina hat für sich kaum Zeit. Sie geht ja auch noch arbeiten. Die Kollegen wissen nichts über die Frau, mit der sie zusammenarbeiten. Die schweigt sich aus und hat eben was anders vor, wenn die Kollegen noch was trinken gehen.

Pina fällt aus

Und dann passiert es. Pina bricht auf der Straße zusammen und keiner weiß, dass sie einen hilfsbedürftigen Sohn zu Hause hat. Der wartet bei der alten Nachbarin auf seine Mutsch. Alleine wird die alte Dame sich nicht um den Jungen kümmern können, zumal der gerade ausrastet und die 16-jährige Nachbarin von unten sich beschweren kommt. Auch der eigenbrötlerische Nachbar von oben wird hinzugezogen. Und so entsteht eine Nachbarschaftshilfe für Leo und die Hoffnung, dass alles wieder gut wird. Denn Pina kommt so schnell nicht wieder.

Die Autorin, Vera Zischke, schreibt so Alltägliches, Normales und doch war ich gefesselt von dem Leben, welches die Mutter und der Sohn führen. Wie sehr all diese scheinbaren „Leichtigkeiten“ doch an Pina zerren und sie auffressen. Sie gibt sich keine Blöße, redet nicht über ihre Fesseln, ihren Sohn. Sie kämpft sich durch diese Schwierigkeiten und erwartet auch von niemanden, dass sie Hilfe bekommt. Vieles in diesem Buch brachte mich zum Schmunzeln. Die Autorin verpackt all das Komplizierte in eine Leichtigkeit, die es einfach macht Pina zu mögen und auch die anderen Figuren in mein Herz zu schließen. Ich habe die Entwicklung genossen, die das junge Mädchen Zola durchgemacht hat, habe den Eigenbrötler Wojtek von Oben angespornt, sich zu öffnen. Habe die Rentnerin Inge ermuntert doch endlich mal wieder vor die Tür zu gehen. Sie sind mir beim Lesen immer mehr ans Herz gewachsen.

Aber die Autorin hat mit ihrem Roman nicht nur ein kluges und unterhaltsames Buch geschrieben. Sie zeigt auch, wie viel ein Mensch leistet, der einen Zupflegenden zu Hause hat. Wie alleingelassen diese Menschen sein können, sich selber vielleicht abkapseln oder keine Hilfe erwarten. Pina fällt aus, wird mir nicht mehr so schnell aus dem Kopf gehen. Aber auch, dass man eine Menge schaffen kann, wenn man sich zusammenschließt, um große Aufgaben zu meistern.  Ein Lesehighlight! 

🐭🐭🐭🐭🐭 bekommt dieses Buch von uns. Ich würde es jedem empfehlen zu lesen. Wir, Rubi und ich sind jedenfalls begeistert und haben es in wenigen Tagen ausgelesen (aufgefressen)

 

Pina fällt aus

geschrieben von Vera Zischke
List Hardcover Verlag
304 Seiten
ISBN 9783471370063
Ullstein eBooks
ISBN 9783843738200

Meine Liebe stirbt nicht

Meine Liebe stirbt nicht … ein Roman geschrieben von dem italienischen, in Neapel geborenen Schriftsteller und Journalisten Roberto Saviano. Er kennt sich aus, mit der organisierten Wirtschaftskriminalität und der Camorra. 2006 veröffentlichte Saviano die dokumentarische Studie Gomorrha und die machte ihn berühmt. Das Buch wurde von Matteo Garrone verfilmt und mehrfach ausgezeichnet. Aber ich will hier ja von dem neusten Buch „Meine Liebe stirbt nicht“ von Roberto Saviano erzählen.

Meine Liebe stirbt nicht

Hier geht es um Rosella Casini, eine junge Frau von 17 Jahren, die in Florenz, 1970 mit ihrer besten Freundin Nina noch zur Schule geht und bei ihren Eltern lebt. Eines Tages ziehen etwas laute junge Männer in das Haus ein in welchem Rosella und ihre Eltern leben. Francesco, einer dieser Jungen interessiert sich für Rosella. Auch sie scheint nicht ganz abgeneigt zu sein. Francesco ist der Sohn einer der mächtigsten Familien aus Kalabrien, die der ’Ndrangheta angehören. Aber das sieht Rosella und ihre Familie (noch) nicht. Rosellas Mutter ist von dem jungen Studenten erst einmal nicht so begeistert. Wenige Tage später aber laden sie ihn zum Essen ein. Die beiden jungen Leute scheinen sich magisch anzuziehen.

Es braut sich da was zusammen in Kalabrien. Francescos Familie hat da ein Problem mit einer anderen mächtigen Familie. Eine Familienfehde bricht aus. Erst war es nur ein kleiner Machtkampf in einer Disco und entwickelte sich zu einer brutalen Auseinandersetzung, die nur mit dem Tod der andern enden kann.
Und dann lädt Francesco die Familie Rosellas auf ihren Guthof ein und erst da wird klar, in welches Umfeld das Mädchen geraten ist.

„Wie sich das Leben schlagartig ändert und wie bereit wir sind, unsere Hoffnungen in ganze Eimer mit löchrigem Boden zu schütten, die sich im Handumdrehen entleeren, sodass wir mit leeren Händen und nassen Füßen dastehen“

Seite 112

Familienfehden

Mir fiel dieses Buch anfangs schwerer als ich gedacht hätte. Der Autor Roberto Saviano hat eine leicht abgehakte Art seine Geschichten zu schreiben. Auch sind die vielen italienischen Namen, die immer ein bisschen variieren und doch dieselbe Person meinen, schwer in meinen Kopf zu bekommen. Erst nachdem ich das komplette Buch gelesen hatte, fand ich eine Auflistung sämtlicher wichtigen Personen und deren Zusammenhänge. Am Anfang des Buches hätte es mir besser gefallen. Und dann ist da die komplette Geschichte, die der Wirklichkeit entsprungen ist. Diese Rosella und ihr Geliebter haben wirklich existiert und es gibt Akten die verschiedene Gerichtsverfahren belegen.Roberto Saviaono recherchiert lange und genau. Er lässt den Leser in das Innere der Mafia schauen. „Die Männer machen und die Frauen der Familie schauen weg.“

Hat mir das Buch gefallen? Ich denke schon. Ich hätte mir etwas früher die Zeit nehmen sollen und mehr Seiten hintereinander zu lesen. Dann wäre es mir vielleicht nicht so hölzern vorgekommen, denn zum Schluss wollte ich nur noch wissen wie es weitergeht. Aber auch, weil es immer wieder Sätze gab, die mich stocken ließen, die mich nachdenklich gemacht haben oder die ich mir unbedingt aufschreiben musste. Ich könnte mir dieses Buch als einen spannenden Film vorstellen. Unterhaltsam und grausam.
Ich habe beschlossen dem Buch 🐭🐭🐭🐭 zu geben. Ein Buch, das mir wieder einen Blick in die Welt verschafft hat

 

Meine Liebe stirbt nicht 

Roman von Roberto Saviano
Übersetzt aus dem Italienischen von Anna Leube, Wolf Heinrich Leube
Hanser Verlag
E-Book ISBN 978-3-446-28779-2
400 Seiten
Hardcover ISBN 978-3-446-28579-8

 

Die weiße Nacht

Die weiße Nacht ist der neuste Roman, einer neuen Serie von Anne Stern. Ihre Hörbücher über die Hebamme Fräulein Gold habe ich förmlich verschlungen und habe mich darauf gefreut jetzt eine neue Serie beginnen zu können.

Die weiße Nacht

Es ist kalt in Berlin im Winter 1946. Die Menschen wissen nicht, wie sie ihre Wohnungen warm bekommen sollen, noch wie sie die Mäuler ihrer Familien stopfen. Man verschachert auf dem Schwarzmarkt was nur geht. Auch wenn es verboten ist und strafrechtlich von der Polizei verfolgt werden kann. Polizisten, von denen man nicht weiß, was sie vor dem Kriegsende gemacht haben. Waren die nicht schon vorher bei der den Braunen? Wer Polizist werden möchte, der muss nur versichern können, dass er nicht bei der NSDAP dabei gewesen ist.

Lou Faber, eine junge Frau, schlägt sich mit Fotografieren durch die kalte Zeit. Sie hat fotografieren gelernt, hat ein Auge für die Motive und für ihre Bilder. Als sie unterwegs ist und die für sie wunderschönen Ruinen fotografiert, sieht sie in einem Innenhof eine Frauenleiche im Schnee liegen. Sie verständigt die Polizei und kann es nicht lassen noch ein paar Bilder von der Frauenleiche zu machen. Kommissar Alfred König kommt mit seinen Leuten, um die Fundstelle zu sichern, die natürlich schon von Schaulustigen umringt ist. Wer ist die Leiche und warum wurde sie dort neben der Teppichklopfstange drapiert, als würde sie beten? Der Hauseigene Fotograf macht Bilder und die Suche nach dem Mörder kann beginnen

Lou ist neugierig und versucht den Kommissar zu unterstützen. Sie mischt sich ein und bringt ihn schon ein bisschen durcheinander. Aber sie ist auch Hilfreich und als die nächste Leiche auftaucht, scheint es wohl eine Mordserie zu sein …

Gut gelesen!

Das Buch wird von Julia Nachtmann gelesen. Und sie liest wirklich gut. Ich mag ihre Stimme und sie hat ein Händchen für den Text von Anne Stern. Sie betont besonders gut und was ich vielen Sprechern immer ankreide sind die tiefen Atemzüge, die man zwischen den Sätzen hört. Ich höre Hörbücher meistens über Kopfhörer und bin damit dem Vorleser sehr „nahe“ Julia Nachtmann las so gut, das ich die Kopfhörer so gut wie gar nicht von den Ohren nehmen wollte. Die elf Stunden Hörbuchdauer waren schon fast viel zu kurz!

Das Buch selber hat mich natürlich auch gefesselt. Es sind mehrere Geschichten die parallel zueinander laufen, die aber doch irgendwann zu einer verschmelzen. Anne Stern hat sowieso eine tolle Art diese alten Zeiten in ihren Büchern wieder aufleben zu lassen und den Leser mitzuziehen. Ihre Figuren scheinen mir immer authentisch und besonders hat es mir mal wieder ihre weibliche Hauptrolle Lou angetan. Sie hat eine Vergangenheit, die ebenfalls irgendwann einmal an das Licht gezerrt wird. Aber auch der Kommissar ist sympathisch, auch wenn er anfangs etwas distanziert wirkt. Er hat ebenfalls während des Krieges Erfahrungen gemacht, die erst nach und nach deutlich werden.

Berliner Straßen und Orte

Noch einen Punkt, den ich an den Büchern der Autorin immer wieder bewundere, dass man einen Blick für das alte Berlin bekommt. Die Situationen in denen die Berlinerinnen dieser Zeit gesteckt haben. Was sie erlebt haben. Wie sie sich durch Leben schlagen. Wie sie dort leben und unter welchen Umständen. Dabei langweilt die Anne Stern den Leser nicht, sondern malt spannende Aussichten in die Vergangenheit. Ich habe beim Hören ganz schön gefroren und hatte den Dunst der Berliner Kneipe in der Nase. Außerdem weiß Anne Stern immer wo sich ihre Figuren bewegen. Sie macht selber viele Spaziergänge durch Berlin und scheint sich dort auch ihre Inspirationen zu holen.
Ich hoffe ich muss nicht allzu lange auf den nächsten Band warten. So lange kann ich aber noch ein bisschen aus den anderen Büchern von Anne Stern lesen und hören. Von uns bekommt „Die weiße Nacht“ 🐭🐭🐭🐭

 

 

Die weiße Nacht

Roman von Anne Stern
Gelesen von Julia Nachtmann
Laufzeit: 687 Minuten
ISBN: 978-3-8449-4508-9
Ungekürzte Ausgabe
Osterwoldaudio Verlag
Hörbuch Hamburg

Die Frauen des Hauses Wu

Der Klassiker „Die Frauen des Hauses Wu“ ein Roman, wurde schon vor langer Zeit (1949) von Pearl S. Buck geschrieben.
Die Autorin Pearl S. Buck wurde in Amerika geboren. Dazu reisten Bucks amerikanische Eltern aus China zur Geburt ihrer Tochter nach West Virginia und schon im Herbst wieder zurück in das Kaiserreich China. Das Mädchen wuchs in China und Amerika auf, pendelte später immer wieder zwischen den Kontinenten hin und her. Sie hatte somit ihr Leben lang eine besondere Beziehung zu China und ihren Bewohnern. 1932 erhielt sie den Pulitzer-Preis für den Roman The Good Earth (Die gute Erde). Sie schreibt noch viele weitere Romane, Sachbücher, Biografien, erhielt 1938 einen Nobelpreis und noch verschiedene andere Preise. 1946 schrieb sie Pavilion of Women – Die Frauen des Hauses Wu.

Die Frauen des Hauses Wu

Madame Ailian Wu, Frau eines reichen chinesischen Kaufmanns, feiert ihren Geburtstag, sie wird 40 Jahre alt. Das ist schon ziemlich alt um noch Kinder zu bekommen, weshalb sie dafür sorgt, dass eine Zweitfrau in den Haushalt des Hauses Wu einzieht. Ihr Mann ist anfangs nicht besonders davon begeistert, aber er fügt sich den Wünschen seiner traditionellen Frau, die in einen eigenen Teil des Hauses zieht um dem „jungen“ Glück nicht im Weg zu sein oder sich vor ihrem Mann zu „schützen“. Immerhin hat sie ihm schon vier wundervolle Söhne geschenkt. Madame Wu hält alle Fäden des reichen Haushaltes in ihren wunderschönen und zarten Händen. Sie spricht mit silberglockenklarer, leiser Stimme und manipuliert ihr Gegenüber. Keiner widerspricht ihr, alle machen wie sie es vorschlägt.

Doch dann holt sie einen Ausländer, den Priester André in ihr Haus, der ihren vorletzten Sohn unterrichten soll. Ein großer Mann, ein bärtiger Riese, der so sanftmütig wie ein Lamm wirkt. Sie beginnt selber an dem Unterricht teilzunehmen und fängt an die Welt mit anderen Augen zu sehen und zu verstehen. Madame Wu ist in einer Zeit erzogen worden, in dem Frauen das machen, was man schon immer von ihnen erwartet hat, dem Mann untertan zu sein, Kinder zu gebären und den Haushalt still und leise zu führen. Aber nun beginnt eine neue Zeit, eine Zeit des Umbruchs, die sogar die elegante Madame trifft.

Umbruch

Die Frauen des Hauses Wu machen deutlich wie man in seiner Tradition gefangen sein kann. Wie sehr man an den alten Gepflogenheiten festhalten kann und selber gar nicht merkt, wie sehr man sich dadurch knechtet. Madame Wu stellt eines Tages fest, dass sie ihren Mann noch nie geliebt hat. Sie hat ihm Kinder geboren und sich immer wieder für ihn schön gemacht. Sie hat mit ihm lange wichtige Gespräche geführt und doch schien es nie, dass sie etwas für ihn empfindet. Erst als sie den ausländischen Priester kennenlernt, begreift sie was ihre Gefühle eigentlich bedeuten.

Ich habe das Buch in einer Lesegruppe gelesen und die Meinungen dort gingen etwas auseinander. Für mich scheint es einfach nur ein Buch darüber zu sein, dass eine Frau plötzlich entdeckt, das ihr vorheriges Leben nicht perfekt war. Dass sie durch Gespräche und Austausch ihren eigenen Kosmos erweitert, verändert und vielleicht ein großes Stück verbessert hat. Ich mochte die Hausherrin und fand es verständlich, dass sie ab einem bestimmten Moment, sich in ihren eigenen Teil des Hauses zurückzog. Auch fand ich die Veränderung sehr gut beschrieben, die Madame Wu durchlebte. Sie wurde weicher und ließ die Moderne zu. Sie öffnete sich für die Welt da draußen, wenn auch erst sehr zögerlich und gab Aufgaben an andere ab. Traditionen sind schön und gut, aber irgendwann muss man eben auch mal die Tür und sein Herz öffnen.

Es ist eine Entwicklung und man darf wirklich nicht vergessen, wann dieses Buch geschrieben wurde und in welcher Zeit und in welchem traditionsreichen Land dieser Roman spielt. Dafür ist es schon wirklich ein großer Schritt in die Freiheit der Frau. Von uns bekommt dieser Roman 🐭🐭🐭🐭 

 

Die Frauen des Hauses Wu

geschrieben von Pearl S. Buck
Übersetzt von Justinian Frisch
FISCHER Taschenbuch Verlag
ISBN: 978-3-596-90398-6
336 Seiten