von Andrea Karminrot | Juli 11, 2020 | Buch des Monats, Historie, Krimi, Regionales |
Eisenblut
Als ich den Titel Eisenblut las, konnte ich mir erst einmal nichts darunter vorstellen. Ich dachte an einen Nazikrimi oder etwas in dieser Richtung. Ich habe den Roman Eisenblut, als Hörbuch aus dem Argon-Verlag begonnen. Die Stimme von David Nathan fasziniert mich dabei immer wieder. Aber was mich an Hörbücher manchmal stört ist, dass die Bücher nicht komplett gelesen werden. Weshalb ich mir den Roman als Buch besorgt habe:

Wir schreiben das Jahr 1888, das Dreikaiserjahr.
Der etwas dickliche, mittelalte und dem Alkohol nicht abgeneigte Gabriel Landow betreibt eine schlecht laufende Detektei. Eigentlich stammt er aus dem ostpreußischen Landadel. Als Soldat hat er sich etwas zu Schulden kommen lassen, weshalb ihn sein Vater enterbt hatte.
Nun lebt Landow in einer billigen Dachkammer, in Berlin Kreuzberg und ermittelt gegen Seitensprüngler. Sein Kriegskamerad Koester betreibt eine kleine Pension und hatte ihn bei sich aufgenommen. Der Detektiv muss natürlich für das Zimmerchen bezahlen und nebenbei besorgt er die Gelder der beiden Huren, die für Koester auf den Strich gehen.
Die schlecht laufende Detektei ist inzwischen auch nur noch ein Einmannbetrieb, da sich Landows Geschäftspartner nach Amerika aufgemacht hat. Als Gabriel Landow dann auch noch sein letzter Auftrag, direkt aus dem Himmel tot vor die Füße fällt, entwickelt sich ein interessanter Fall.
Ein dritter, mysteriöse Mord, in kurzer Zeit, ein Märchenbuch der Gebrüder Grimm in den Händen der Opfer.
Irgendwie hat Landow Glück und wird von der Regierung angestellt, die Grimm-Morde zu lösen. Doch warum gerade er dazu erkoren ist, den Fall der seltsamen Morde aufzuklären, das kann sich der Schnüffler selbst nicht erklären.
Hinterlistigkeiten und Arroganzen
Mit einem Hauch von Sarkasmus und Ironie beschreibt Axel Simon die Kaiserzeit mit ihren Hinterlistigkeiten, Arroganzen und Intrigen. Es stinkt förmlich aus dem Buch heraus, nach dem alten und dreckigen Berlin. Er führt uns aber auch die schön(st)en Ecken Berlins und Potsdam.
Immer wieder, benutzt der Autor Metapher, schenkt dem Leser seinen süffisanten Wortwitz. Zaubert Bilder, die die Zeit sehr gut beschreiben. Axel Simon schreibt Bandwurmsätze, die einem gar nicht so lang vorkommen.
Stets ist einem bewusst (steht ja auch als Kapitelüberschrift darüber!), dass der Kaiser bald sterben wird und was wird dann? Ein Krieg wird kommen und die Akteure in dem Roman arbeiten erfolgreich darauf hin. Doch bis es so weit ist, muss Landow erst einmal seine Morde aufklären!
Ich hoffe, dass mich Landow noch öfter unterhalten wird.
Der Autor
Axel Simon (1962 geboren), stammt tatsächlich nicht aus Berlin. Was mich etwas wundert, da er die örtlichen Begebenheiten außerordentlich gut beschrieben hat. Er kommt aus dem Ruhrgebiet. Simon brach sein Studium für Literatur, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte ab und hat zeitgenössische Theater und Opern inszeniert. Im Moment schreibt er in Hamburg an einem Nachfolgeband für Gabriel Landow.
Verlag: Kindler
416 Seiten
ISBN: 978-3-463-00012-1
von Andrea Karminrot | Juli 8, 2020 | Krimi, Rezension, Thriller |
Das Netz
Es ist ein Netz, in das sich die Isländerin Sonja verheddert hat. Es besteht aus Drogen, Kindesentzug, Trennung und Liebesgeschichte. Sonja lag mit ihrer Geliebten Agla im Bett, als sie von ihrem Mann und dem gemeinsamen Sohn erwischt wurde. Daraufhin wurde Sonja das Sorgerecht aberkannt und sie musste sich, wie auch immer, über Wasser halten. Ganz abgesehen davon, dass gerade die Banken in Island krachen gegangen sind, wusste sie nicht, wie sie ihren Lebensunterhalt bestreiten sollte. Ein befreundeter Anwalt ihres Mannes bot ihr an, sie zu unterstützen. Dabei lief sie einem Drogenkartell in die Hände. Denn nun schuldete sie denen eine Menge Geld.

Sonja hatte nun die Aufgabe, Kokain aus dem Ausland nach Island zu schmuggeln. Sie war pfiffig und hatte prima Ideen. Nur einer kam ihr irgendwann auf die Schliche. Der Zollbeamte Bragi, beobachtete die attraktive Frau schon länger, wie sie sich in regelmäßigen Abständen über den Flughafen bewegte.
Sonja verstrickte sich immer mehr in dem Netz und die Sorge um ihren kleinen Jungen lies sie unmögliches bewerkstelligen.
Was ich gelesen habe
Sonja kam mir zwar schlau aber doch auch sehr naiv vor, wenn sie dachte, dass sie aus dem Netz entschlüpfen könnte. Ganz nebenher wurde ihre Geschichte zu einem Lesbenabenteuer mit der besagten Geliebten, die auch noch eine Kollegin von Sonja‘s Mann war. Immer wieder ging es um den Sex, den die beiden Frauen haben. Nicht im Detail, aber doch schon sehr konkret. Mich hat das tatsächlich in dem Lesefluss gestört. Es kam mir vor, als müsse die Autorin unbedingt darauf herumreiten, wie die zwei Frauen sich amüsieren.
Manchmal hatte ich das Gefühl, ich lege dieses Buch jetzt beiseite, dann geschahen aber doch wieder aufregende Dinge, die mich zum Weiterlesen zwangen. Und doch hatte dieses Buch keinen echten Sog. Klar wollte ich wissen, wie sich Sonja aus der Misere zieht. Aber selbst das Ende konnte mich nicht überzeugen.
Die Autorin kann bestimmt noch besser schreiben, denn mal abgesehen von dem Lesbengeflüster, steckt sie voller Ideen.

Die Autorin
Lilja Sigurðardóttir Stammt aus Island, wuchs aber auch in Mexiko und Spanien auf. Sie schrieb mehrfach ausgezeichnete Theaterstücke und Das Netz, ist der Beginn einer Reykjavík-Trilogie, die demnächst verfilmt werden soll.
ISBN 9783832165192
DuMont Verlag
360 Seiten
von Andrea Karminrot | Juli 2, 2020 | Buch des Monats, Geplauder, Linkparty |
Bücher, Juli und was ich lesen möchte
Jetzt ist es schon Juli und ich habe natürlich nicht alle Bücher vom vergangenen Juni geschafft. Ich weiß ja auch nicht, nehme ich mir zu viele Seiten vor? Die Rezensionen zu Das Netz, Daisy & the Six und Eisenblut, habe ich längst fertig geschrieben. Aber das Bloggen fällt mir, gerade im Lesezimmer, etwas schwer. Dabei lese ich im Moment wirklich viel. Abends, wenn es auf der Terrasse nicht mehr hell genug ist, um das Strickzeg klappern zu lassen, habe ich einerseits Licht im E-Bookreader oder eine aufsteckbare Lampe für die „echten“ Bücher.
Siehst du es genauso? Ich meine, dass Bücher zum Umblättern, die echten sind? Elektronische Bücher sind natürlich auch spitze. Aber die fühlen sich für mich so unwirklich an. Auch Hörbücher sind prima, aber auch die sind eben nicht richtig. Gut, lassen wir das, ich wollte ja nicht philosophieren, sondern dir meine Wunschbücher für den Juli vorstellen…

Das Juli Buch:
„Zugvögel“, ein Buch, das ich von einer Plattform (Jellybooks) habe, die das Leseverhalten der Lesenden austesten möchte. Ich weiß zwar nicht, was sie davon haben, aber ich bekomme da eben manchmal ein nettes Buch zu lesen. In diesem Fall eben Zugvögel, von Charlotte McConaghy
Auf der Suche nach Erlösung folgt eine junge Frau den letzten Küstenseeschwalben in die Antarktis
Franny hat ihr ganzes Leben am Meer verbracht, die wilden Strömungen und gefiederten Gefährten den Menschen vorgezogen. Als die Vögel zu verschwinden beginnen, beschließt die Ornithologin den letzten Küstenseeschwalben zu folgen. Inmitten der exzentrischen Crew eines der letzten Fischerboote macht sie sich auf den Weg in die Antarktis. Schutzlos ist die junge Frau den Naturgewalten des Atlantiks ausgeliefert, allein die Vögel sind ihr Kompass. Doch wohin die Tiere sie auch führen, vor ihrer Vergangenheit kann Franny nicht fliehen. Ihr folgt das Geheimnis eines Verbrechens, die Geschichte einer außergewöhnlichen Liebe. Und schon bald entwickelt sich die Reise zu einem lebensbedrohlichen Abenteuer. (Klappentext vom Fischer Verlag)
Heraus kommt es leider erst im August. Aber eines kann ich dir schon mal sagen, das möchte ich auch als echtes Buch haben!
Ich mag manchmal Klugscheißer
Echt jetzt? Ja, manchmal mag ich sie. Aber manchmal möchte ich ihnen ins Gesicht schreien. Ich bin gespannt, wie es mit dem Buch von Thorsten Steffens ist, Klugscheißer Delux. Der Autor persönlich hatte mich gefragt, ob ich das neue Buch lesen möchte. Ich hatte schon den ersten Band hier rezensiert. Dieses mal lautet der Klappentext:
Timo Seidel ist 29 Jahre alt und hat beruflich noch nicht viel in seinem Leben erreicht. Bisher stand ihm vor allem immer seine große Klappe im Weg, denn Timo leidet unter einer weit verbreiteten, aber sehr unangenehmen Krankheit: Er ist ein chronischer Klugscheißer! Dagegen helfen leider auch keine Tabletten. Und so gerät Timo immer wieder mit seinen Mitmenschen aneinander, was auch dazu führte, dass er vor fünf Jahren sein Studium schmiss. Nun glaubt er allerdings, erwachsener zu sein und beschließt, mit Ende zwanzig doch noch einmal ein Studium neben seiner Aushilfsstelle an einer Abendschule zu wagen. An der Universität trifft er auf anstrengende Lehrkräfte, außergewöhnliche Mitstudierende und auf die bildhübsche Sophie, die ihm obendrein den Kopf verdreht. Ein Klugscheißer an der Uni – kann das gut gehen? Nach „Klugscheißer Royale“ der zweite Roman rund um Timo Seidel. (Piper-Verlag Klappentext)
Bestimmt unterhaltsam und ein schönes Juli Buch, für die Ferienzeit.
Etwas Altes, muss auch mal sein
Ich habe noch so manchen Schatz auf dem Regal liegen, welchen ich noch nicht gelesen habe. Oh, das kennst du auch? Ich habe im Nachbarbezirk Steglitz ein tolles Büchercafé. Dort kann man, wenn nicht gerade ein Virus alles zunichte macht, gemütlich einen Kaffee schlürfen oder trinken (ganz nach belieben) und dann in den Bücherregalen stöbern. Nie gehe ich dort ohne ein neues Altes heraus, weshalb ich das Café nicht so oft besuche. Aber es lohnt sich immer. Schon lange liegt der Schatz Die Mittagsfrau von Julis Franck auf dem Stapel.
1945. Flucht aus Stettin in Richtung Westen. Ein kleiner Bahnhof irgendwo in Vorpommern. Helene hat ihren siebenjährigen Sohn durch die schweren Kriegsjahre gebracht. Nun, wo alles überstanden, alles möglich scheint, lässt sie ihn allein am Bahnsteig zurück und kehrt nie wieder.
Julia Franck erzählt das Leben einer Frau in einer dramatischen Zeit – und schafft zugleich einen großen Familienroman und ein eindringliches Zeitepos. (Fischer-Verlag Klappentext)
Noch übrig
Seit Juni schon, liegt Die Brautprinzessin auf meinem E-Bookreader. Ich habe die ersten Kapitel gelesen und habe bisher noch keinen Zugang zu diesem Buch gefunden. Ich weiß, Campino und auch Cornelia Funke schwärmen von diesem Buch. Aber irgendwie mag ich die Helden nicht, oder der Schreibstil ärgert mich. Ich kann es noch nicht sagen. Aber ich versuche sie bei den Juli Bücher unterzubringen.
Die Brautprinzessin« erzählt die Geschichte der wunderschönen Butterblume und des Stalljungen Westley, der unsterblich in sie verliebt ist. Die Erzählung von der Bedrohung ihrer Liebe durch Prinz Humperdinck, seine Ritter und Spione ist aber nur eine Geschichte in einem atemberaubenden Spiel von Kürzungen und raunenden Kommentaren.
Pläne sind dazu da, um auch mal durchkreuzt zu werden. Der Bücher- Juli hat ja erst angefangen, da kann noch eine Menge passieren. Was meinst du, welche Bücher hast du auf dem Plan? Mach mit, bei meiner Büchersammlung für den Juli. Vielleicht möchtest du auch ein Buch vorstellen, hast eine schöne Rezension geschrieben, aber keinen eigenen Blog! Dann schreibe mir einfach (andrea@karminrot-blog.de), wenn mir die Rezension gefällt, dann veröffentliche ich sie mit deinem Namen oder einem Pseudonym. Und ansonsten, freue ich mich wieder über rege Beteiligung bei der Linkparty.
von Andrea Karminrot | Juli 2, 2020 | Buch des Monats, Rezension, Roman |
Daisy Jones & The Six
Daisy Jones ist eine junge Frau, die seit Kindertagen auf der Suche nach Geborgenheit und Anerkennung war. Ihre Eltern hatten sich, nach Daisy’s Angaben, nie um das Kind gekümmert. Als Teenager glaubt sie, sich mit Partys, Drogen und Sex, Anerkennung zu erschleichen. Sie ist eine sehr gut aussehende junge Frau. Große tiefblaue Augen, eine Singstimme, die einen umhaut, eine Figur, um die sie jede Frau beneidet hätte.
Diese Daisy nun, trifft 1975 auf die Rock ’n’ Roll Band, The Six. Eine Truppe, die ihre ersten Erfolge verzeichnen konnte. Die Brüder Graham (Leadgitarrist) und Billy Dunne (Leadsänger) gründeten diese Gruppe. Dabei coverten sie am Anfang noch Songs von anderen Bands. Doch bald schrieb Billy eigene Musik und Texte. Die restlichen Mitglieder setzten sich aus der einzigen Frau Karen Karen (Keyboarderin), den Brüdern Eddi Loving (Gitarrist) und Pete Loving (Bassist) und dem Drummer Warren Rhodes zusammen.
Daisy Jones bekommt die Gelegenheit, einen Song mit Billy zusammen zu singen. Die Produzenten sind sehr angetan und wünschen sich unbedingt eine Zusammenarbeit mit der Band. Wie sich inzwischen alles zusammenfügt und wie die Menschen der Band miteinander zurechtkommen, dass erzählen die Bandmitglieder einer Reporterin.
Und genau so ist dieses Buch auch aufgebaut. Hier kommt jeder mal zu Wort. Die Musiker und Freunde der Gruppe, die Ehefrauen und Produzenten plaudern aus dem Nähkästchen. Das ganze Buch ist wie ein einziges Interview aufgebaut.

Was ich gelesen habe
Am Anfang des Buches war mir gar nicht bewusst, dass das ganze Buch im Interview-Stil geschrieben ist. Auf den ersten Seiten habe ich immer wieder gewartet, wann es denn mal richtig losgeht. Aber so nach und nach, habe ich mich an diesen merkwürdigen Lesestil gewöhnt. Fand es tatsächlich sogar recht angenehm, weil es eben kein drumherum gab. Die Reporterin fragt nur selten dazwischen und hat das Ganze dann zu einem durchgängig erzählten Roman zusammengesetzt.
Unterteilt in die Jahre (das sind die Kapitel), bekommt man ein Gefühl für die Bandmitglieder und die Menschen, die um die Musiker herum leben. Lachend wird von ihren Sex- und Drogeneskapaden erzählt. Wie sie sich gefunden, welchen Lebenswandel sie vollzogen haben. Auch Neid und Missgunst spielen natürlich eine Rolle: „Ich kann mit dem nicht mehr arbeiten“ oder „Immer will der im Mittelpunkt stehen“, wird besonders deutlich, da es sich um ein Interview handelt.
Natürlich besteht eine Musikgruppe nicht nur aus denen, die auf der Bühne stehen, weshalb eine Menge Menschen zu Wort kommen. Da kann man schon mal durcheinander geraten. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen, so steht es auf den ersten Seiten. Denn jeder Mensch, hat so seine eigene Sicht auf die Dinge und vergisst auch mal, dass eine oder andere zu erwähnen, was dann wieder ein Anderer für wichtig hält. So fügt sich ein tolles Bild der Musiker zusammen.
Ich denke, dass es manchem nicht gefallen wird, wie dieses Buch aufgebaut ist. Doch mir hat es (nachdem ich gemerkt hatte, dass es immer im Interview-Format bleiben wird) am Ende sehr viel Spaß gemacht zu lesen. Der Aufstieg und der Fall dieser fiktiven Musikgruppe veranlasst dazu, doch nach diesen Personen zu googeln (natürlich erfolglos!). Die Idee der Autorin gefällt mir sehr. Beim Googeln habe ich eine Playlist bei Spotify gefunden, die ich während des Lesens, nebenher gehört habe. Das machte das Buch um so lebendiger.
Die Autorin
Taylor Jenkins Reid lebt mit ihrer Familie in Los Angeles. Sie schreibt seit 2013 Romane. Vorher hat sie eine Karriere als Journalistin gemacht. Außerdem schrieb sie für das Fernsehen.
Ihre Bücher wurden bisher große Erfolge. (Neun Tage und ein Jahr, Zwei auf Umwegen) Wunderbare Sommerbücher!
Ullstein Verlag
368 Seiten
Aus dem Amerikanischen übersetzt
von Conny Lösch (eine tolle Frau übrigens!)
ISBN: 9783550200779
von Andrea Karminrot | Juni 26, 2020 | Buch des Monats, Linkparty, Nachdenklich, Roman |
Der Wal und das Ende der Welt
In der der Bucht in Cornwell taucht ein Wal auf und ein nackter, nasser (und vielleicht toter) Mann liegt auf dem Strand. Es ist ein winziger Ort in Cornwell, die Lehrerin des Dorfes bezeichnet den Ort als „ein winziger Pickel auf der äußersten Spitze des kleinen Zehs“. Ein Wal ist kein gutes Omen, so unkt der alte Fischer Garrow. Als der Wal, ebenso wie der junge Fremde auf dem Ufer strandet, entwickelt sich eine Gemeinschaft, die mit vereinten Kräften versucht, das riesige Tier zurück ins Wasser zu schieben.

Was ich gelesen habe
John Ironmonger hat eine seltsame, aber bezaubernde Art zu schreiben. Seine Sätze klingen leicht verworren und er nimmt immer schon einiges voraus, das erst in der nächsten Zeit geschehen wird. Aber auch immer wieder geht sein Blick zurück in die Zeit, als seine Hauptfigur Joe Haak noch ein Junge war. John Ironmonger beschreibt seine Akteure mit einem schelmischen Unterton, der jeden zu einem Unikat macht. Sicherlich ist es auch so, dort am Ende der Welt, dass jeder etwas Besonderes ist.
Der Roman ist ganz und gar nicht langweilig und keineswegs überzogen und man macht sich ein gutes Bild von dem Dorf St. Piran mit seinen 307 Einwohnern. Der Wal taucht noch ein paar mal auf und Joe Haak hat eine besondere Rolle in dem Stück. Er schafft es, eine besondere Gemeinschaft zwischen den Dorfbewohnern herzustellen und widerspricht damit der Theorie, dass der Mensch in einem Katastrophenfall, zu einem „Killer und Strauchdieb“ wird. Joe bringt die Dorfbewohner noch enger zusammen. Nächstenliebe und Solidarität, statt Egoismus und Hass. Ein wenig spielt der Autor mit schwarzem Humor. Was dem Roman die Extraprise Pfeffer verleiht.
Seltsam, dass ich diesen Roman gerade jetzt in die Finger bekommen habe. Denn wie in der Wirklichkeit, spielt in diesem Roman ein Virus eine große Rolle. Die Menschheit wird durch eine Epidemie herausgefordert und John Ironmonger hat ein Szenario vorausgesehen, das wir gerade erleben. Erschreckend, da der Autor das Buch 2015 veröffentlicht hat und es erst letztes Jahr bei uns heraus kam. Wie die Menschen in dem Dorf mit der Krise umgehen, dass macht schon Mut, mit unserer derzeitigen Situation klar zu kommen. Wenn wir nur alle zusammenhalten.

Der Autor
In einem Interview sagte der Autor John Ironmonger: „ Wie schnell Fiktion zu Realität wurde! Als ich mit Jared Diamond sprach, waren wir in einem kleinen Eck des Paradieses der Insel Sumatra. Jegliches Gerede von Pandemien und Apokalypse erschien sehr phantasievoll und ein bisschen absurd. Ich fühlte mich wie ein Verrückter, der warnt: »Das Ende der Welt naht!«.
John Ironmonger kennt Cornwell und die ganze Welt. So steht es in seinem Autorenprofil, beim Fischerverlag. Er lebt mit seiner Frau in England. Zur Zeit genießt er es, in der Selbstisolation zu leben. Das Paar genießt den Strand „Oft treffen wir dabei keine weitere Seele. Das hat uns relativ fit gehalten – und gesund. Das würde ich Menschen raten: Eine ruhige Stunde suchen, um zu spazieren oder laufen zu gehen, wenn es die Vorschriften erlauben….“
Übersetzer: Tobias Schnettler (wurde 1976 in Hagen geboren und studierte in Hamburg Amerikanistik. Er arbeitet als freier Übersetzer in Frankfurt a.M..) und Maria Poets
ISBN: 978-3-596-70419-4
480 Seiten
Verlag: FISCHER Taschenbuch
Auch diesen Roman stelle ich zu den Juni-Büchern