Kinder ihrer Zeit {Roman von Claire Winter}

10.09.2020 | Buch des Monats, Historie, Linkparty, Roman | 8 Kommentare

Kinder ihrer Zeit, spielt im noch nicht geteilten Berlin der 1950er Jahre. Es sind die Zwillinge Alice und Emma, die hier die Hauptakteure sind. Die Mädchen waren kurz vor Kriegsende mit ihrer Mutter aus Ostpreußen auf der Flucht, als sie auf gemeine Weise getrennt wurden. Beide glaubten voneinander, dass die Andere Tod und verloren sei. Dabei hatte Emma das Glück, bei ihrer Mutter zu sein und ein Leben im westdeutschen Berlin zu führen. Ihre Schwester Alice wurde von einem russischen Major gerettet. Sie fand in dem noch nicht geteilten Berlin, auf der Ostseite und in verschiedenen Heimen, wo sie den Sozialismus gepredigt bekam, eine Heimat.

Emma wollte nicht glauben, dass es ihre Schwester nicht mehr gab. Hoffnungsvoll füllte sie eine Suchmeldung des Roten Kreuzes aus. Aber als ihre Mutter mitbekam, was Emma gemacht hatte, wurde sie sehr böse und zerriss den Brief der Hilfsorganisation. Sie glaubte nur an den Tod ihrer Tochter.
Auch Alice erfährt auf Umwegen, von der Suche nach ihr. Die Mauer in der Stadt Berlin ist noch nicht gebaut und die Menschen können ohne große Schwierigkeiten immer noch die Seiten wechseln. Sie macht sich auf die Suche nach ihrer Schwester und wird fündig.

Kinder ihrer Zeit, was ich gelesen habe

Das Buch ist in mehrere große Kapitel unterteilt. Anfangs begleitet man die Mädchen auf ihrer Flucht und durch ihre Kindertage. Aber schnell landet man in der Zeit, die vor dem Mauerbau in Berlin spielt. Die verschiedenen Gesinnungen dieser Zeit spielen eine enorme Rolle.

Aber es sind nicht nur die beiden Mädchen, die zur Sprache kommen. Da ist zum Beispiel der Forscher Julius, der eine besondere Rolle im Leben von Emma bekommt. Auch Max, Emmas bester Freund ist eine interessante Figur. Er engagiert sich viel in den Flüchtlingslagern Westberlins. Er bekommt ein Angebot, dass ihn dann in Zweifel stürzt, ob sein System das Richtige ist. Dann ist da noch Irma, eine alte Freundin aus dem Heim, in dem Alice groß geworden ist. Sie hat was zu verbergen. Und noch so Einige andere Personen, die immer wieder Zweifel an der Zukunft haben.

Zweifel und Misstrauen

Claire Winter hat es gut gemacht. Sie verstrickt die verschiedenen Figuren miteinander, zu einem völlig mitreißenden Roman über eine Zeit, die voller Zweifel und Misstrauen besteht. Wer kann wem trauen und wer ist wirklich dein Freund? Die Autorin schreibt nicht geschnörkelt und doch hat die Geschichte immer noch Platz für ein wenig Schmalz Liebe. Ihre Geschichte ist eine Mischung aus Fiktion und Wirklichkeit. Am Ende konnte ich das 573 Seiten starke Buch nicht aus der Hand legen und musste wissen, wie es ausgehen wird. Die Spannung lässt fast auf keiner Seite nach. Ein gelungener, spannender Roman.

Als (West-)Berlinerin bin ich besonders angetan, dass sich die Orte in dem Roman mit der Realität decken. Sehr wissenswerte Dinge sind in einem besonders unterhaltsamen Roman untergebracht. Claire Winter führt am Ende eine Menge interessante Literatur auf, die noch Einblick in die damalige (Spionage-)Zeit bringen kann.

Kinder ihrer Zeit

Autorin Claire Winter
Diana-Verlag
576 Seiten
ISBN: 978-3-453-29195-9

In meinen Augen ein absolutes Lesevergnügen, das Spannung und ein bisschen Liebesgeflüster vereint. Deshalb verlinke ich es mit den September-Büchern

8 Kommentare

  1. Lusyl

    Freut mich, dass dir das Buch so gut gefallen hat, ich hab das auch schon parat.

    LG

    Sylvia

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  2. Bienenelfe Helga

    von Helga:

    Oh ja liebe Andrea, ich werde es lesen wollen…möchten! Ein winziger Teil der damaligen Situation ist mir bekannt und auch bewußt, da meine Mama 1945 einen heimatvertriebenen Stettiner aufgenommen hat, sich beide ineinander verliebten und 1948 heirateten. Wäre auch einen Roman wert diese Geschichte. Oft kamen wir durch Berlin, da seine Schwester in Weissensee wohnte und wir weiterreisten nach Warnemünde. Als 19 jährige erinnere ich mich noch mit der S Bahn von Ost nach West und umgekehrt ohne, Kontrollen gefahren zu sein. Später dann nach dem Mauerbau wurden wir an den Sektorengrenzen nur schikaniert. Sportzeitschriften und eine Tischdecke wurden uns abgenommen und im Benzintank herumgestochert. Meine Mama zogen sie einmal aus dem Zug in Schwerin und hielten sie eine Nacht lang fest. Ohne Gründe, wir reisten weiter nach Rostock. Auch meinen Bruder der bei Horn und Görwitz von den Triumphenwerken ausgeliehen war, und für zwei Jahre in Steglitz wohnte, hielten sie auf offener Straße an und nahmen ihn samt Auto mit.
    Nein, einen Roman schreib ich Dir nicht weiter, aber lesen werde ich das Buch ganz bestimmt. Danke für die Vorstellung und liebe Grüße von der Helga.
    PS: Einer geflüchteten Freundin haben wir auch Unterschlupf gewährt damals, aus Halle,sie hatte ihre Eltern verloren und wurde dann auch hier ansässig und wir gingen zusammen zur Tanzschule. Sie ist Jahrgang 1937, heiratete und hat einen Sohn.

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  3. Andrea/ die Zitronenfalterin

    Ein Schicksal, das damals gewiss kein Einzelfall war. Danke für die interessante Rezension.
    Liebe Grüße
    Andrea

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  4. Anni | antetanni.wordpress.com

    Liebe Andrea,

    vielen Dank für diese Vorstellung, das Buch klingt spannend. Wir waren für knapp zehn Tage in Potsdam und wir haben beim Entlangradeln auf dem Mauerweg oder durch irgendwelche Dörfer in Brandenburg oft darüber gesprochen, wie es wohl gewesen sein muss vor/nach 1945, vor/nach 1989 usw. Dieses Schicksal, dass Geschwister und ganze Familien getrennt wurden und man sich über Jahre suchen musste – unvorstellbar für uns hier und heute.

    Viele Grüße

    Anni

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  5. sommerlese

    Liebe Andrea,

    deine Rezension liest sich sehr schön und macht auch die Probleme der Menschen durch den Mauerbau deutlich. Es ist sicherlich sehr interessant zu lesen, wie unterschiedlich sich die Mädchen durch ihre Erziehung in unterschiedlichen Systemen entwickelten.
    Mal sehen, ob ich das Buch noch in meine Leseliste einbauen kann. Ist schon recht voll! *lach

    lg Barbara

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  6. Nicole Kirchdorfer

    Das klingt wirklich interessant und kommt auf meine Liste!
    Danke für den Tipp.
    Muss ich Dich doch gleich mal abonnieren 😉

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