Rosie {Eine Biografie von Rose Tremain}

Rosie

Rosie wurde Rose Tremaing genannt, bis sie ins Internat kam. Davor hatte das Mädchen ein tolles zu Hause in England. Zumindest wenn man es als Außenstehender betrachtete. Mehrmals im Jahr durfte Rosie und ihre Schwester Jo zu den Großeltern auf‘s Land, in das alte Landgut der Familie fahren. Es waren aber weniger die Großeltern, die die Kinder mit Wärme empfingen, als mehr das alte Haus und die Bediensteten. Rosie‘s Mutter Jane war nie in der Lage Liebe zu zeigen. Und auch die Großmutter zeigte kaum, dass sie ihre Enkelinnen liebte. Sie trauerte stets ihren toten Söhnen nach, übersah die Mädchen dabei völlig. Aber das hielt die Kinder nie davon ab, gerne auf das alte Landgut zu fahren.

Rose Tremain erzählt in diesem kleinen Büchlein aus ihrer frühen Jugend und aus ihrem Teenagerleben. Die Autorin hatte es nicht leicht, obwohl sie in sehr guten Verhältnissen aufwuchs. Aber Geld heißt nicht, gleich geliebt zu werden. Zum Glück gab es eine Nanny, die den beiden Mädchen die Liebe gab, die sie brauchten.

Nach außen schien diese Familie völlig normal und intakt zu sein. Aber sind das nicht die meisten Familien? Was hinter verschlossenen Türen vor sich geht, ist nicht immer ersichtlich. Rosie und ihre Schwester Jo, wurden schon früh ins Internat abgeschoben, weil die Mutter Jane sich nicht in der Lage sah mit den beiden Mädchen zurecht zu kommen. Jane traf sich lieber mit ihren Freunden. Nach den Beschreibungen der Autorin, brauchte die Mutter sich aber auch kaum zu kümmern, es gab ja die Nanny. Auch der Vater war zwar im Haus anwesend, aber doch nicht da. Außerdem verließ er die Familie, nachdem er sich in eine deutlich jüngere Frau verliebte.

Ich habe dieses Buch sehr schnell verschlungen und war entzückt über all die schönen Sätze, die ich lesen durfte. Auf vielen Seiten nimmt die Autorin Bezug auf ihre Romane und macht Lust darauf, diese zu lesen. Rose Tremain hat einiges aus ihrem Leben in ihren Romanen aufgearbeitet. Allerdings finde ich, dass sie auf ziemlich hohem Niveau jammert. Ja, sie wurde in ein Internat gesteckt in dem es immer kalt war, das Essen nicht reichlich und ausgewogen genug war. Die Mutter beschimpfte und degradierte ihre Töchter immer wieder und die Mädchen wurden früh von ihrem Vater verlassen. Und doch erlebte das Kind Rosie doch sehr viel Gutes und bewahrte sich eine Lebenslust, die sie zu einer sehr guten Schriftstellerin machte.

Was ich sehr schön fand, waren die Fotos der Familie, die man auf einigen Seiten zu sehen bekommt. Dieses Buch stelle ich gerne in das Märzregal

Autorin Rose Tremain
Übersetzerin Christel Dormagen
211 Seiten
Insel Verlag

Eine Liebe vor 70 Jahren {Glück am Morgen}

Glück am Morgen

von Betty Smith

Wie war das? Eine Beziehung vor gut 70 Jahren? Eine Ehefrau unterstützt ihren Mann in allen Belangen. Sie macht das Heim schön und sorgt für Wohlfühlstimmung und Glück im Haus. Und sei das Zuhause auch noch so klein. Annie und Carl sind gerade mal 18 und 20 Jahre alt, als sie einander heiraten. Ganz langweilig, ohne die Familien, denn die Eltern wissen noch gar nichts davon, dass die Beiden sich das Ja-Wort geben, sich jeden Tag das Glück am Morgen wünschen.

Carl studiert erfolgreich Jura und Annie hatte bisher ihre Mutter im Haushalt unterstützt und ist zusätzlich arbeiten gegangen. Sie verlassen ihre Familien und nun müssen die beiden jungen Eheleute ein eigenes Leben organisieren. Aber alleine durch ihre Liebe zueinander, meistern sie ihre Sorgen und Nöte.

Was ich gelesen habe

Betty Smith schrieb vor 50 Jahren diesen Roman. Ihre Worte fließen durch einen hindurch und man genießt das Glück und die Liebe der jungen Menschen. Die Geschichte mutet in manchen Situationen etwas altbacken an und doch fühlt man sich in dem Buch sehr wohl. Annie begibt sich in ihrer Beziehung, in eine devote Rolle, die damals sicherlich Standard war. Aber immer öfter will sich die junge Frau durchsetzen und streitet mit Carl. Annie besticht darüber hinaus, durch ihre so (un)aufdringliche und naive Art. Und Carl? Der beginnt zu begreifen, dass das Eheleben nicht immer nur ein Zuckerschlecken ist. Er versteht es, dass die Frauen sich verändern und genauso viel wert sind wie die Männer. Er liebt seine Annie über alles …

Ich mochte das Buch sehr. Irgendetwas hat mich an der Geschichte gefesselt, ohne dass ich sagen kann, was es war. Eigentlich „plänkelt“ (ein Wort, dass Annie im Zusammenhang mit ihrem Friseur benutzte), der Roman vor sich hin. Doch es ist nicht langweilig! Es lohnt sich das Buch zu lesen.

Kennst du auch Bücher, die so vor sich hin „plänkeln“ und doch lesenswert sind?

Die Autorin

Betty Smith ist am 15. Dezember 1896 in Brooklyn geboren. Sie hat einige Bücher geschrieben, die immer unter den besten 10 der Bestseller-Liste waren. Ihre Bücher wurden auch verfilmt und als Bühnenstück auf dem Broadway aufgeführt. 1965 wurde Joy in the Morning mit Richard Chamberlain und Yvette Mimieux verfilmt.

1971 verstarb die Schriftstellerin in Connecticut.

Verlag: Suhrkamp
383 Seiten
ISBN: 9783458177852
Übersetzerin: Eike Schönfeld

Mein Buch des Monats Mai

„Niemals ohne sie“ ein Roman {Rezension}

„Niemals ohne sie“

Ein Roman von Jocelyne Saucier


Jocelyne Saucier schrieb eine Geschichte, die einem den Atem raubt. Inmitten einer Kleinstadt steht ein baufälliges Haus, in dem es vor Kindern nur so wimmelt. 21 Kinder umfasst die Familie Cardinal. Die Kinder umsorgen und bekämpfen sich. Sie sind ein Clan, eine Gemeinschaft und etwas Besonderes. Die Mutter spielt eine leise Rolle, während der Vater, der Erzsucher sich um die Kinderflut gar nicht kümmert.

Die Kleinsten werden von den Größeren erzogen, die ihnen die Welt erklären. Sie sind wild, sind anders, sind Helden. Die Familie fällt einfach auf und ist arm, aber das stört sie nicht, denn sie sind Außergewöhnlich. Der Vater entdeckte ein riesiges Zinkvorkommen und verkaufte sein Wissen an eine Minengesellschaft. Als dann nach Jahren die Mine geschlossen wurde, verwahrlost die Kleinstadt. Viele der Bewohner, die etwas mit der Mine zu tun hatten, zogen weg. Die Cardinals waren die Aufmüpfigen zwischen den „Landeiern“, den Landarbeitern. Sie ärgerten, zerstörten und quälten die restliche Bevölkerung. Sie waren wild und unberechenbar.

Nach und nach zog es die Cardinalskinder in die Welt. Sie wurden Ärzte, Bänker, Kaufleute, Trinker und Loser. Jeder suchte sich seine Nische und hielt, mehr oder weniger den Kontakt. Als der Vater, nach Jahren, eine Auszeichnung erhalten soll, tauchen die Geschwister zu der Verleihung auf. Doch nie stehen sie, wie zu einem Familienfoto, beisammen. Denn dann, würde ein Geheimnis auffliegen, über das die Familie nicht redet.

Dieser Roman handelt von einer Familie mit Geheimnissen. Schon wieder könnte man denken. Doch ist er sehr mitreißend, witzig, traurig und erschreckend erzählt. Ich konnte das Buch kaum weglegen. Die Geschwister bezauberten mich, trotz all der Hässlichkeit, die an das Licht gezogen wird. Aus der Sicht der verschiedener Geschwister erzählt, bekommt die Story einen besonderen Klang.

Nicht ohne sie, …ohne die Geschwister? Ohne die Schwester? Ohne Bruder? Ohne die Familie? Lies es selber …

Die Autorin…

1948 geboren. lebt in einem abgeschiedenen Ort im nördlichen Quebec. Ihren letzten Roman von 2015 (Insel Verlag) Ein Leben mehr, wird derzeit verfilmt.

Die Übersetzer…

Sonja Finck übersetzt aus dem Französischen und Englischen und lebt in Berlin. Frank Weigand lebt ebenfalls als Übersetzer und Kulturjournalist in Berlin.

Dieses Buch gehört auf jeden Fall zu meinen Lieblingsbüchern und Leseempfehlungen.