Alles was ich bin

von Anna Funder

Am 1. April 1935 wurde zwei tote Frauen in einer Londoner Wohnung aufgefunden. Laut eines Gerichtsurteils, war es ein gemeinsamer Suizid. Wie es wirklich dazu kam, erzählt Ruth Blatt. Sie ist die Cousine von Dora Fabian, einer der Toten. Die andere Frau, die aufgefunden wurde, war Mathilde Wurm. Beide Frauen waren bekannte Sozialdemokratinnen, Journalistinnen und Frauenrechtlerinnen. London war ihr Exil, als sie 1933 vor den Machenschaften der SS und Hitlers Handlangern flohen. Von London aus, schrieben die Frauen weiterhin für die Zeitungen und versuchten den Deutschen die Augen zu öffnen.

„Es gab immer wieder Punkte, an denen wir entscheiden mussten, ob die Gefahr in der jemand schwebte, durch die Arbeit für unsere Sache gerechtfertigt wurde. Wir wurden verantwortlich für das Risiko, dass wir einander zumuteten. Das sollte man auch als Syndrom benennen.“

Der Schriftsteller und Dramatiker Ernst Toller, schrieb kritische Stücke für das Theater (Masse Mensch…) ging auch ins Exil. Eng vertraut mit den Frauen, trafen sie sich in London wieder. Er warnte schon in den 1920er vor einer faschistischen Bewegung in Deutschland. Seine Bücher standen auf der Liste und wurden 1933 verbrannt. Dora Fabian war Ernst Tollers Sekretärin und Freundin (Geliebte).
Aus diesen Tatsachen schrieb Anna Funder einen Roman. 
Anna Funder war 19, Studentin in Melbourne, als sie auf die 79 jährige Ruth Blatt traf. Trotz des großen Altersunterschiedes wurden die Frauen Freundinnen. Ruth erzählte Anna einen Teil ihres aufständischen Lebens. Einen spannenden Teil… Sie erzählte ihre Erlebnisse aus der Zeit, als Hitler an die Macht kam und als Jüdin aus gutem Haus, im Berlin Ende der 1920er Jahre lebte.
Ruth erzählt ihre Erinnerungen. Sie ist Dement und vieles verschwindet in ihrem Kopf. Aber manchmal kommt plötzlich die Erinnerung.

Stolperstein in der Genthiner Straße in Berlin

 “Mein Geist ist ein flatterhaftes Ding; befragt man ihn zu direkt, öffnet er sich nicht. Ich muss schlauer sein, mich am Rand des Schlafs heranschleichen, damit er was Neues herausgibt. Schließlich gehört alles darin mir.”

Ernst Tollers Gedanken sind ein Teil der Geschichte. Der politische Moralist war der körperlich kleinen, aufständischen Dora verfallen. Immer wieder erinnert ihn seine derzeitige Sekretärin an Dora. Depressive Schübe lassen ihn schwarze Schatten sehen, er hat Angst auf die Straße zu gehen. Die Sekretärin kümmert sich um den psychisch stark angeschlagenen Mann, während sie seine Autobiografie diktiert bekommt. 
Frau Funder lässt abwechselnd Ruth und Ernst Toller von ihrem Leben berichten. Das lässt uns die Möglichkeit die Geschichte von verschiedenen Perspektiven zu sehen. Ruth in ihrer Demenz ist mal im Jetzt, gleitet aber immer wieder mit ihren Gedanken in die alten Zeiten zurück. Anna Funder hat viel recherchiert und für die Lücken noch ein wenig dazu gedichtet. Aber im Großen und Ganzen, ist ihr Roman eher ein Tatsachenbericht, der sich aber, auch wenn man sich nicht für Geschichte interessiert, wunderbar lesen lässt. Am Ende des Romans findet man eine Zusammenfassung all ihrer gelesenen und verwendeten Bücher und Artikel zu diesem Thema.
Viele Male hat man schon Literatur über die Nazizeit gelesen, oftmals ging es um die Judenverfolgung. Auch hier ist es ein Thema, aber die Verfolgung erdrückt die Geschichte nicht. Sie ist ein Teil, genauso wie die Verfolgung der Sozialdemokraten und den Menschen die Kritik übten. Ein wirklich spannendes Buch und sehr zu empfehlen.

Roman
432 Seiten, gebunden
S. FISCHER
ISBN 978-3-10-021511-6

Ein spannender Artikel vom Deutschlandradio
Mutige Frauen gegen Hitler

Montagsfrage

Montagsfrage: Was war bei euch die längste Phase, in der ihr nicht gelesen habt?

Buchfresserchen fragt
Ich musste allen ernstes darüber nachdenken.
Ich kann mich nicht erinnern NICHT
gelesen zu haben.
Selbst als meine Kinder noch sehr klein waren
und ich doch recht wenig Zeit hatte,
habe ich viel gelesen.
Als die Monster dann ein „verständiges“ Alter hatten,
mussten sie mir zuhören, 
wenn ich ihnen Harry Potter, Bartimäus und Konsorten
vorgelesen habe.
Und Heute….
Ich lese sehr viel. 
Aber am liebsten gute 
Literatur.
Und Ihr?

Tauschbücher

Habt ihr auch Bücher die ihr schon einmal gelesen habt und vermutlich kein zweites Mal lesen werdet? Ich habe da so einige. Ich finde es aber viel zu schade sie einfach zu entsorgen. Es gibt allerdings die Möglichkeit, sie in einem Buchgeschäft, das gebrauchte Bücher verkauft, zu spenden. In einem solchen Geschäft habe ich mich letzte Woche erst  mit einer lieben Freundin getroffen. Ihr glaubt gar nicht, wie sehr ich mich zusammenreißen musste. Tatsächlich habe ich zwei Bücher ein neues Zuhause gegeben.
Eine andere Möglichkeit hat Renate sich ausgedacht. Wir tauschen! Die Idee finde ich super, schade ist nur, bislang haben noch nicht so viele daran teilgenommen. Ich würde es toll finden wenn noch einige mehr daran Interesse zeigen würden. Ihr habt doch sicherlich noch einige Bücher, Hörbücher oder Zeitschriften, die ein neues Zuhause bräuchten. 
Renates Blog: Ein Stück Lebensglück

Meine Tauschbücher sind diese drei hier:

Sie sind alle drei schon gelesen. Natürlich! Ich habe auch zu einige Rezension geschrieben. Vielleicht wollt ihr sie lesen:
                                               
                                                „Die verlorene Zeit“                     von Michelle Ross

                                                „Das Haus der Lady Armstrong“  von Andrew O’Connor

          „Liebe verlernt man nicht“          von Lilli Beck

Paula braucht einen Mann!
Eingeladen zur Verlobung ihres Sohnes, braucht sie eine Begleitung und stellt fest, das Frauen im gesetzten Alter (50 aufwärts) Schwierigkeiten haben, Männer zu finden. Mit ihren Freundinnen Biggi, vom jugendlichen Freund verlassen und Traudel die seit 2 Jahren Witwe ist und immer noch sehr trauert, will sie eine Datingagentur gründen. Bei der Männerakquise erlebt Paula viele spaßige Situationen…
Ich hatte eine sehr kurzweilige Zeit beim lesen. Oft habe ich schmunzeln müssen und konnte Paula oft verstehen. Witzige Situationen, die aus dem Leben gegriffen scheinen, machen das Buch zu einem Vergnügen. 

Da ich ein Bücherjunkie bin, würde ich mich über Bücher freuen. Hörbücher habe ich schon ewig nicht mehr gehört. Und für Zeitungen habe ich definitiv keine Zeit. Ich habe es schon mehrmals versucht. Am Ende meines Blogs ist eine Email Möglichkeit. Schreibt mir einfach, wenn ihr eines der Bücher haben wollt, und was ihr mir dafür bieten könnt. Ich werde mich auf jeden Fall bei euch melden. 
Eure

Andrea

Die Königin der Orchardstreet

(wer mehr über S.Gilman wissen möchte, klickt auf ihren Namen) 

Träumt nicht fast jedes Kind von einem Leben in einer Eisfabrik? Schwärmt nicht jedes kleine Schleckermaul von besonderen Eissorten?  Wie muss es denn dann wohl sein, eine berühmte Eisproduzentin zu sein?
Sie stammt aus Russland, kam 1913 mit ihrer Familie nach Amerika. Ihre Eltern sind, wie viele Einwanderer, völlig mittellos und hoffen auf das große Glück.
Malka ist 6 oder 7 Jahre alt, hat eine ziemlich große Klappe und lässt sich nicht so leicht beeindrucken, sie ist erfindungsreich und sehr fantasievoll.
Und das bis ins hohe Alter. Sie erzählt ihre Lebensgeschichte in manchmal schnoddriger Art. Vorlaut und neunmalklug,das sagt sie auch immer wieder selber von sich selbst, »verklagt mich doch! «



» hat man erstmal ein gewisses Alter erreicht, oh, da hält einen alle Welt für dumm, taub und unwichtig. Andere Frauen meines Alters, das sage ich euch, meine Schätzchen, die gäben  hervorragender Spioninnen ab. Die könnten in der Sowjetunion ein und aus gehen, ohne dass einer genauer hinsieht.Aber ich nicht. Dafür sorge ich.«


Malka kommt sozusagen unter die Räder, sie läuft in einen Pferdekarren. Das Pferd bricht ihr das Bein ,das Becken und ein paar Rippen. Und das gleich mehrfach. Sie wird immer behindert bleiben. Aber Malka hat Glück und wird von dem italienischen Eisverkäufer, der sie angefahren hat, aufgenommen. Sie wächst bei den Italienern auf, bekommt eine Ausbildung und verliert ihre eigene Familie.



So schildert sie ihr Leben, als würde man mit ihr und einer Tasse Tee, in ihrer riesigen Villa sitzen. Sie springt immer wieder in die Gegenwart, verliert aber nicht den Faden und erzählt chronologisch ein arbeitsreiches Älterwerden.
Anfangs dachte ich mir noch, was ist das wohl für eine nervende Person, der ich jetzt meine Zeit opfere, doch mit jeder Seite zog sie mich weiter in ihren Bann. Die alte Dame kommt mir sehr freudlos, berechnend und böse vor. Sie hat stets den Überblick. Hat immer ein Quäntchen Glück. Aus vermeintlich negativen Situationen entwickeln sich lukrative Geschäfte. Als Frau in dieser Zeit, hatte man wenig zu sagen, als Krüppel (wie sie sich selbst bezeichnet), noch viel  weniger. Man wurde einfach übersehen. Trotzdem wurde sie die größte Eisproduzentin Amerikas!

» Auf den Straßen von Lower Manhattan erhielt ich meine erste große Marketing-Ausbildung: sei schamlos. Sei anders. Und appelliere an die Gefühle – nie an den Kopf.«



Es ist eine unterhaltsame Geschichte, die sich schnell liest. Unterteilt in 3 große Kapitel durchleben wir mit der toughen alten Dame knapp 90 Jahre. Ein stetes Auf und Ab macht das Buch spannend. Mit den richtigen Schauspielern… ,ein Kassenschlager.
Die verschiedenen eisigen Geschmacksrichtungen, die sie in ihrem Buch erwähnt, lassen einem das Wasser im Mund zusammen laufen. Nur gut, das mein Lieblingseisladen, ein paar Straßen weiter ist.

Gebunden, 600 Seiten
ISBN: 978-3-458-17625-1 
Auch als  eBook erhältlich

Dieses Buch möchte ich bei Nicole mitmachen lassen. Es gehört zu meinem Buch des Monats März. 

Der Distelfink

Theo und seine Mutter sind in einem New Yorker Museum für Kunst, als eine Bombe explodiert. Auf dem Weg nach draußen “findet” der traumatisierte Junge das Bild von Carel Fabritius *Der Distelfink* und nimmt es mit. Erst nach einiger Zeit realisiert der Dreizehnjährige, das seine Mutter bei diesem Attentat ums Leben gekommen ist. Theos Vater ist seit einem Jahr nicht auffindbar, somit steht der Junge allein im Leben. Damit beginnt eine Odyssee, die den Jungen auf schiefe Bahnen lenkt. Mit einigen Menschen die einen Anker in seinem Leben darstellen, schafft er sich doch ein angenehmes Leben und lernt stets dazu. Er “überlebt”, indem er sich in die Welt der Drogen flüchtet und trotz allem, zu einem angesehenen Menschen wird. 
Es ist unglaublich, wie sehr mich dieses Buch mitgerissen hat. Auch wenn das Buch zugeklappt auf meinem Nachttisch lag, musste ich oftmals an Theo, den Hauptdarsteller, denken. Das Schicksal dieses jungen Mannes ist so liebevoll,  auch detailreich erzählt , dass man das Gefühl hat, mitten in der Geschichte zu sein. Ich glaubte oft, in den Kopf des Jungen blicken zu  können, der uns seine Geschichte erzählt. Es wurde mir nicht langweilig, all die vielen Beschreibungen zu lesen. Eher im Gegenteil, es hilft ungemein den Jungen zu verstehen und zu begreifen, aus welchem Blickwinkel er sein Leben und die Menschen sieht, die ihn umgeben. Theo lässt sich so häufig von Freunden und Angehörigen blenden. Läuft den Falschen hinterher und glaubt was man ihm sagt. Manchmal hätte ich ihn gerne angeschrien, endlich die Augen zu öffnen…
Donna Tartt beschreibt das quirlige New York, das trostlose Las Vegas, als wäre man selber dort. Sie nimmt uns mit, in die Werkstatt eines Möbeltischlers. Und bringt es fertig, uns den Duft des Holzes, den Wachs zum polieren, das Terpentin riechen zu lassen. Sie nimmt uns mit, auf die Drogenreisen ihres Hauptdarstellers. Lässt uns mit ihm Liebe finden und zusehen wie sie ihm wieder zwischen den Fingern zerrinnt. Das “gefundene” Gemälde trägt den Jungen, ist der Halt, der dem Kind fehlt.
Zum Ende des Buches wird ihre Geschichte zu einem Thriller, der ziemlich an den Nerven zerrt. Blutig und verrückt, drogenlastig und im Fieberwahn.
Allerdings verheddert sie sich, ganz am Ende, für meinen Geschmack, zu sehr in ihren Beschreibungen und zieht es zu sehr in die Länge.

Der Einband des Buches zeigt einen Teil von dem Bild *Der Distelfink* von Carel Fabritius aus dem Jahr 1654. Als wäre ein Stück des Umschlags aufgerissen und das Bild leuchtet darunter hervor. Wenn man über den Einband streicht fühlt man das aufgerissene Papier. 
Ein Lieblingssatz: Seite 129

„Aber manchmal, ganz unerwartet, brandete der Schmerz in Wellen über mich hinweg, die mir den Atem verschlugen, und wenn sie zurückwichen, schaute ich unversehens hinaus auf ein salzfeuchtes Wrack, beleuchtet von einem Licht so hell, so herzversehrt und leer, dass es schwerfiel, mich daran zu erinnern, dass die Welt jemals etwas anderes als tot gewesen war.“

Goldmann Verlag 
1024 Seiten, gebunden

Dieses Buch möchte ich euch ganz besonders ans Herz legen. Weshalb ich es auch bei Nicole als Buch des Monats März verlinke.