Die Verlorenen von Santa Chionia

Eine junge Amerikanerin, Francesca Loftfield, wird in ein Bergdorf, nach Kalabrien in Italien ausgesandt. Sie soll den Kindern dort einen Kindergarten bauen. Oder besser gesagt »Die Verlorenen von Santa Chionia« retten. Na, ganz so heroisch geht es natürlich nicht zu. Als junge Frau und in einem Patriarchat, in dem Frauen nicht viel zu sagen haben, stößt sie natürlich an ihre Grenzen. Immerhin schreiben wir das Jahr 1960 und Kalabrien ist noch ziemlich konservativ.

Die Verlorenen von Santa Chionia

Die Maestra Francesca, wie sie von den Dorfbewohnern genannt wird, ist sehr bemüht, sich mit der Bevölkerung gut zu stellen. So übt sie die Sprache der Einheimischen, die sie mehr schlecht als recht sprechen kann. Griko, ist eine Mischung aus Italienisch, Kalabresisch und Griechisch. Die Bauarbeiten an dem Kindergarten verzögern sich, als durch einen mächtigen Regenguss ein Skelett aus einem Kellergewölbe des Hauses gespült wird. Sie befürchtet nun, dass ihr Vorhaben, diesen Kindergarten zu vollenden, mit den Fluten ins Tal verschwunden ist. Und auch der Versuch, sich mit den Einheimischen gut zu stellen, klappt nur mäßig. Bald taucht auch noch eine alte Frau auf, die Francesca um ihre Hilfe bittet. Sie vermisst seit über vierzig Jahren ihren Sohn und vermutet in dem Skelett den Verlorenen. Francesca wird zur Detektivin, zur Bittstellerin, zur Geliebten und Tochter.

Wenn ich ein Buch lese, das eventuell einen Bezug zur Wirklichkeit hat, suche ich im Internet oft nach den Orten, an denen meine Protagonisten sich herumtreiben. Das habe ich auch hier versucht. Aber entweder gibt es dieses Dorf wirklich nicht oder es wurde wie angekündigt an einen zugänglicheren Ort umgesiedelt. Es gibt ähnliche Orte in Kalabrien. Eng an die Berge geschmiegt, mit winzigen Gassen, in denen niemals ein Auto hindurchkommen würde. Selbst ein aufgespannter Regenschirm würde ein Hindernis darstellen. Orte, in denen die Zeit stillgestanden sein mag und nur wenig Fortschritt zu sehen ist. (Will nicht sagen, dass es wirklich so ist!)

Es ist kompliziert

Manche Bücher stellen sich einfach quer, wenn man sie lesen beginnt. Es ist vielleicht nicht ihr Moment, oder ich bin nicht bereit dafür. Dieses Buch habe ich etwas länger vor mir hergeschoben. Die ersten Seiten lasen sich etwas bockbeinig, aber dann fand ich mich in Kalabrien wieder, las die Erzählungen der jungen Frau. Sie hatte, Gott sei Dank, ein Tagebuch geführt. Nicht, dass dieser Roman in Tagebuchform geschrieben wurde, aber Francesca erzählt, was sie damals dort zwischen den Hirten und den kalabresischen Familien erlebt hatte. Wie schwierig es war, sich mit den Einheimischen auseinanderzusetzen. Ihren Auftrag, den Kindergarten zu bauen, durchzusetzen. Und gegen die Schweigsamkeit, die Männerherrschaft und die mafiösen Strukturen anzugehen.

Manchmal hat mich das Buch fast gelangweilt. Die vielen italienischen Namen, die Intrigen oder die Machenschaften, fanden nicht immer meine Zustimmung. Es ist ein Buch, welches man auf keinen Fall zu lange liegen lassen darf. Das Ende hat mich aber doch überrascht.
Rubi und ich geben diesem Buch 🐭🐭🐭. Ein Buch, welches große Aufmerksamkeit benötigt und vielleicht einen italienischen Leser, der sich in Kalabrien auskennen mag.

 

Die Verlorenen von Santa Chionia

ISBN 978-3-85256-934-5
Aus dem Englischen übersetzt von
Cathrine Hornung, Karin Fleischanderl
Originaltitel The Lost Boy of Santa Chionia
Seiten 528

Meine Liebe stirbt nicht

Meine Liebe stirbt nicht … ein Roman geschrieben von dem italienischen, in Neapel geborenen Schriftsteller und Journalisten Roberto Saviano. Er kennt sich aus, mit der organisierten Wirtschaftskriminalität und der Camorra. 2006 veröffentlichte Saviano die dokumentarische Studie Gomorrha und die machte ihn berühmt. Das Buch wurde von Matteo Garrone verfilmt und mehrfach ausgezeichnet. Aber ich will hier ja von dem neusten Buch „Meine Liebe stirbt nicht“ von Roberto Saviano erzählen.

Meine Liebe stirbt nicht

Hier geht es um Rosella Casini, eine junge Frau von 17 Jahren, die in Florenz, 1970 mit ihrer besten Freundin Nina noch zur Schule geht und bei ihren Eltern lebt. Eines Tages ziehen etwas laute junge Männer in das Haus ein in welchem Rosella und ihre Eltern leben. Francesco, einer dieser Jungen interessiert sich für Rosella. Auch sie scheint nicht ganz abgeneigt zu sein. Francesco ist der Sohn einer der mächtigsten Familien aus Kalabrien, die der ’Ndrangheta angehören. Aber das sieht Rosella und ihre Familie (noch) nicht. Rosellas Mutter ist von dem jungen Studenten erst einmal nicht so begeistert. Wenige Tage später aber laden sie ihn zum Essen ein. Die beiden jungen Leute scheinen sich magisch anzuziehen.

Es braut sich da was zusammen in Kalabrien. Francescos Familie hat da ein Problem mit einer anderen mächtigen Familie. Eine Familienfehde bricht aus. Erst war es nur ein kleiner Machtkampf in einer Disco und entwickelte sich zu einer brutalen Auseinandersetzung, die nur mit dem Tod der andern enden kann.
Und dann lädt Francesco die Familie Rosellas auf ihren Guthof ein und erst da wird klar, in welches Umfeld das Mädchen geraten ist.

„Wie sich das Leben schlagartig ändert und wie bereit wir sind, unsere Hoffnungen in ganze Eimer mit löchrigem Boden zu schütten, die sich im Handumdrehen entleeren, sodass wir mit leeren Händen und nassen Füßen dastehen“

Seite 112

Familienfehden

Mir fiel dieses Buch anfangs schwerer als ich gedacht hätte. Der Autor Roberto Saviano hat eine leicht abgehakte Art seine Geschichten zu schreiben. Auch sind die vielen italienischen Namen, die immer ein bisschen variieren und doch dieselbe Person meinen, schwer in meinen Kopf zu bekommen. Erst nachdem ich das komplette Buch gelesen hatte, fand ich eine Auflistung sämtlicher wichtigen Personen und deren Zusammenhänge. Am Anfang des Buches hätte es mir besser gefallen. Und dann ist da die komplette Geschichte, die der Wirklichkeit entsprungen ist. Diese Rosella und ihr Geliebter haben wirklich existiert und es gibt Akten die verschiedene Gerichtsverfahren belegen.Roberto Saviaono recherchiert lange und genau. Er lässt den Leser in das Innere der Mafia schauen. „Die Männer machen und die Frauen der Familie schauen weg.“

Hat mir das Buch gefallen? Ich denke schon. Ich hätte mir etwas früher die Zeit nehmen sollen und mehr Seiten hintereinander zu lesen. Dann wäre es mir vielleicht nicht so hölzern vorgekommen, denn zum Schluss wollte ich nur noch wissen wie es weitergeht. Aber auch, weil es immer wieder Sätze gab, die mich stocken ließen, die mich nachdenklich gemacht haben oder die ich mir unbedingt aufschreiben musste. Ich könnte mir dieses Buch als einen spannenden Film vorstellen. Unterhaltsam und grausam.
Ich habe beschlossen dem Buch 🐭🐭🐭🐭 zu geben. Ein Buch, das mir wieder einen Blick in die Welt verschafft hat

 

Meine Liebe stirbt nicht 

Roman von Roberto Saviano
Übersetzt aus dem Italienischen von Anna Leube, Wolf Heinrich Leube
Hanser Verlag
E-Book ISBN 978-3-446-28779-2
400 Seiten
Hardcover ISBN 978-3-446-28579-8

 

Il Mondo Della Pasta

Il Mondo Della Pasta von Domenico Gentile, ist mein neues Lieblings-Pasta-Buch! Die italienische Küche ist einfach immer wieder eine Gaumenfreude und in diesem Buch habe ich wohl genau das richtige für mich entdeckt.

Il Mondo Della Pasta

Ich habe es schon öfter versucht, meine Nudeln Pasta selber zu machen. Aber ich bin an dem Teig schon gescheitert. Oft war er zu fest, dann zu klebrig und egal, welchen Tipps ich gefolgt bin, es hat einfach nicht geklappt. Domenico Gentile hat mir mit seinem Pasta-Buch einen großen Gefallen getan, denn er hat einige Geheimnisse der perfekten Pasta aufgelöst. Pasta selber machen ist eigentlich gar nicht so schwer. Vor allem, wenn man sich an die Kleinigkeiten hält, die er in seinem Buch gerne preisgibt. Schon in dem ersten Kapitel: Pasta-Wissen habe ich eine Menge über die leckeren Nudeln gelernt. Vor allem auch, dass man sich auf ordentliche getrocknete Pasta ebenso verlassen kann, wie auf die handgemachten. Die Geschichte der Pasta ist interessant und Gentile schreibt sehr angenehm und unterhaltsam.

Im nächsten Kapitel zeigt er dem Leser oder Hobbykoch, wie man Pasta sehr einfach selber herstellen kann. Vor allem, was eine gute Pasta ausmacht und mit welchen Utensilien man die klassischen Nudeln herstellen kann. Manchmal darf man ruhig etwas einfallsreich sein, denn so mancher von uns hat schon einige Werkzeuge in seiner Küche. Er erzählt, woher die verschiedenen Sorten stammen, und wer sie in welchem Teil Italiens perfekt herstellt. Mir ist immer wieder das Wasser im Mund zusammen gelaufen!

Aber auch gefüllte Pasta kommt zu Wort. An die kleinen Teigtaschen habe ich mich bis heute nicht gewagt. Aber so schwer scheint es dann doch nicht zu sein. Überall in Italien werden sie angeboten und doch überall anders gemacht und anders betitelt. Am Ende, auf meinem Teller, sind sie alle ein Genuss. Ich werde mich daran machen, die Ravioli, Tortelini, Cappelletti, Cappellacci, Culurgiones, Agnolotti selber herzustellen …

Pasta Rezepte und wunderschöne Bilder

Fangen wir doch mal bei den Bildern an: Die hat Oliver Brachat gemacht. Tolle Bilder mit vielen lieben Gesichtern von Menschen, die diese Pasta oder die Gerichte kochen oder herstellen. Ansprechende Teller, die dazu verleiten, sofort in die Küche zu stürzen und die Vorräte zu kontrollieren.
Die Rezepte sehen einfach aus. Will sagen, die italienische Küche ist eigentlich sehr einfach, aber hat eben besondere Kniffe. Seitdem ich dieses Buch habe, haben so manche Tricks beim Pastakochen zu einem Mehrwert verholfen. Ob es sich bei den Rezepten um Suppen oder es sich sogar um einen süßen nudeligen Nachtisch handelt, perfekt! Ich habe schon mein Menü zusammengestellt und meine Freunde eingeladen. Die freuen sich schon darauf!

Endlich habe ich das „echte“ Rezept für Ragú alla Bolognese … Naja, wenn man davon absieht, dass jede Region Italiens ihr eigenes echtes Rezept hat. Neun verschieden Ragú Rezepte sind hier versammelt. Mit der selbstgemachten Pasta zusammen kann man dann daraus auch noch Lasagne, Cannelloni oder andere Ofenpasta zaubern. Auch Gnocchi haben ein eigenes Kapitel bekommen. Diese kleinen Kartoffelklößchen haben so viele Varianten, dass Gentile hier nur die „wichtigsten“ zusammengestellt hat.

Mein Fazit

Mein Fazit ist, Il Mondo Della Pasta ist eines der besten Pastabücher, die ich in Händen gehalten habe. Hier werde ich noch so manches Rezept nutzen, um meine Freunde zu verwöhnen, meine Familie an den Tisch zu rufen oder auch nur um meine Seele zu streicheln. Die Rezepte sind wie gesagt sehr einfach.

Die Zutaten sollte es fast überall zu kaufen geben. Nur sollte man bei selbstgemachten Nudeln auf die Qualität des Mehls achte. Aber das erklärt Domenico Gentile genau und warum man darauf achten soll. Zu jedem Gericht gibt es auch eine kleine Geschichte oder einen besonderen Tipp. Die Pasta zu den verschiedenen Gerichten ist austauschbar. Nicht jede Nudelform ist passend zur Soße. Und wie gesagt, am Ende kann man Pasta auch als Nachtisch servieren.

Und natürlich sind in diesem Buch die meisten Rezepte mit Fleisch gemacht. Es gibt aber auch das eine oder andere Rezept, dass man ohne machen kann oder das schon von vornherein ohne auskommt. Alternativen fallen mir einige ein und der gewiefte Vegetarier ist bestimmt auch Austausch-freudig.

Dieses Buch bekommt von Rubi, meiner Familie und mir 🐭🐭🐭🐭🐭 Reichlich Wissen rund um die Pasta und leckere, einfache Rezepte

 

 

Il Mondo Della Pasta

Rezepte von Domenico Gentile
bebildert von Oliver Brachat
272 Seiten
Aus dem ZS Verlag
ISBN 9783965844919

Ripley – Der talentierte Mr. Ripley

Ripley, der talentierte Mr. Ripley … habe ich bei Netflix gesehen und war total begeistert von der Serie. Immer wieder gingen mir die Bilder durch den Kopf. Passend, dachte ich und wie wird dann erst das Buch sein? Patricia Highsmith hat es geschrieben. Es wurde das erste Mal 1955 veröffentlicht. Beim Diogenes Verlag fand ich die aktuelle Veröffentlichung des Romans und steckte sofort die Nase in das Buch.

Der talentierte Mr. Ripley

Das Buch beginnt nicht ganz wie in der Serie. Der junge Tom Ripley wird von einem Mann in eine Bar verfolgt. Es stellt sich heraus, dass es der Vater von Richard Greenleaf ist. Ziemlich wohlhabend scheint der Werftbesitzer jedenfalls zu sein. Der alte Greenleaf möchte Tom dazu anstiften, seinen Schulfreund Richard nach Amerika zurückzuholen. Richard ist der Sohn des alten Greenleaf. Er lebt schon längere Zeit in dem wunderschönen italienischen Städtchen Mongibello, das liegt direkt am Meer in der Nähe von Neapel. Richard denkt nicht im Geringsten daran, nach Hause zurückzukehren. Tom, der sich mit Gelegenheitsjobs und kleinen Betrügereien über Wasser hält, ist erst gar nicht von der Idee angetan, findet sich dann aber ziemlich schnell in seiner neuen Rolle zurecht und sagt zu. Der alte Greenleaf bezahlt ihm ein Europaticket, besorgt ihm eine Kabine auf einem Ozeanriesen und gibt ihm Reiseschecks mit. Um Geld muss sich Tom nun keine Gedanken mehr machen. Und eine schöne Garderobe bekam er obendrein.

In Italien angekommen, findet Tom schnell am Strand, seinen alten Schulfreund. Richard ist in der Gesellschaft einer jungen Frau. Am Anfang scheint es, dass Dickie (Richard) sich nicht an Tom erinnern kann, aber so langsam finden die jungen Männer zueinander. Tom macht den Fehler den alten Greenleaf zu erwähnen und hat schon die Befürchtungen Dickie würde sich von ihm distanzieren. Und doch scheinen die beiden jungen Männer sich anzuziehen.

Wie weit würdest du gehen?

Ich sagte ja schon, ich habe die Serie gesehen und kenne eigentlich schon das Ende und doch bin ich ganz fasziniert, was ich zwischen den Seiten noch alles gefunden habe. Ich weiß, wie weit Tom gehen wird. Und doch ist es noch einmal etwas gruseliger es zu lesen.

Wenn man in die Rolle eines anderen schlüpfte, war das wichtigste, dachte Tom, Stimmung und Temperament des dargestellten beizubehalten und die entsprechende Mimik zu übernehmen, alles Übrige ergab sich von selbst.

Seite 179

Das Buch hat mir auf jeden Fall gefallen! In der Serie nimmt man Gesten, Mimik und Taten von Tom wahr. Im Buch aber kann man lesen, warum er es tut. Sein komplettes Gedankenspiel ist greifbar. Und ja, wie weit würdest du selber gehen, wenn du plötzlich merkst, dass dich die ganze Welt ansieht und nicht übersieht, wenn dir Geld keine Sorgen macht. Wenn du begriffen hast, was Geld mit einem machen kann. Selbstbewusst nimmt sich Tom, was „ihm zusteht“. Er belügt sich selber und andere und schlittert immer wieder an der Enttarnung vorbei.

Nicht, dass ich Tom für seine Taten bewundern würde, ich finde nur, die Autorin Patricia Highsmith hat hier eine interessante Figur geschaffen. Aber nicht nur Tom auch der überhebliche Dickie und seiner Freundin, die graue Maus Marge, sind wunderbar gezeichnet. Ich habe das Buch noch mehr verschlungen als den Film. Rubi und ich geben dem Buch spannende 🐭🐭🐭🐭

Die Autorin Patricia Highsmith

Patricia Highsmith ist 1921 geboren und hat einige gute Krimis geschrieben. Unter anderem unter dem Pseudonym Claire Morgan schrieb. Sie bevorzugte es, ihren Protagonisten als einen Durchschnittsmenschen zu beschreiben, der sich dann unglaublichen Verbrechen hingab. Viele ihrer Bücher wurden als Vorlage zu spannenden Filmen adaptiert. Alfred Hitchcock verfilmte ihren 1951 ersten veröffentlichten Roman Zwei Fremde im Zug.

Die Übersetzung wurde von Melanie Walz gemacht. Sie hat einige Bücher von Highsmith übersetzt. Ein gutes Buch gewinnt nur durch eine gute Übersetzung.

 

Ripley

Der talentierte Mr Ripley

Ein Krimi von Patricia Highsmith
Übersetzt von Melanie Walz
Taschenbuch mit 400 Seiten
aus dem Diogenes Verlag
ISBN 978-3-257-24720-6

Die Frauen der Familie Carbonaro

Die Frauen der Familie Carbonaro, ist der zweite Teil der Familien-Saga einer sizilianischen Familie. Pina, geboren 1884, ihre Schwiegertochter Anna (*1913) und die Enkelin Maria (*1933) treffen den Erzähler auf Sizilien in einer alten Villa mitten in Catania. Es ist staubig in dem alten Haus, die typische sizilianische Sonne scheint durch verschlissene Vorhänge und alles scheint sehr unwirklich. Doch die drei Frauen wollen dem Erzähle ihre Geschichten vortragen. Geschichten, die einem teilweise die Haare zu Berge stehen lassen.

Die Frauen der Familie Carbonaro

Pina ist die Tochter des Mafioso Dottore Passalacqua. Unter seiner Fuchtel hatte das Mädchen kein leichtes Leben. Abgesehen davon, dass das Land arm war, die Menschen vor Krankheit starben oder auswanderten, gab es noch Hierarchien, welche Frauen auf die niedrigste Stufe setzte. Gut genug dem Mann das Essen zu bereiten, sich um die Kinder zu kümmern, den Haushalt zu führen. Aber Rechte hatten sie keine. Sie wurden von den eigenen Vätern vergewaltigt, verscherbelt und ausgenutzt. Frauen mit Verstand, das gab es in den Männeraugen nicht. Aber Pina stammt von den Nymphen und Sirenen ab, sie hat einen zweiten Schatten, sie war etwas Besonderes, wie die meisten Frauen der Familie Carbonaro waren.

Anna heiratet den Sohn von Pina und Barnaba Carbonaro. Sie bringt Freude in den Haushalt der verbitterten Pina. Und doch wird sie nicht lange bleiben. Sie wird ihrem Mann und dem Schwiegervater nach München folgen. Mitten hinein in die Zeit, als die Nazis an der Macht waren, Bomben auf die Stadt fallen und Menschen einfach abgeholt werden und verschwinden. Auch Anna hat einen zweiten Schatten, der sich in der deutschen Stadt allerdings nicht zeigt. Dafür lernt Anna, dass sie sehr wohl eine Stimme hat und sich gegen die Gepflogenheiten der Männer auflehnen kann.
Und dann ist da noch Maria Pinas Enkelin, Annas Tochter. Sie wächst in München auf, ist mehr deutsch als Sizilianerin, muss aber auch feststellen, dass Frau nichts wert sind. Und doch setzt sie sich durch.

„Wer sind wir? Das sei die ewige Frage der Sizilianer, hat Barnaba immer gesagt, aber in Wahrheit ist es die Erzählung aller Männer. Männer verbringen ihr ganzes Leben damit, zu hadern, wer sie sind. Sie bekämpfen Windmühlen und halten sich für Ritter.  Wir Frauen sind die Sancho Panzas dieser Welt. Die den Laden am Laufen halten und das Gleichgewicht herstellen, immer und immer wieder“

Seite 436

Sizilien und die Frauen

Mich erschrecken solche Geschichten immer wieder. Wie konnten die Frauen das damals aushalte? Angefasst und benutzt werden, ohne dass man sich wehren durfte und konnte. Wer seine Unschuld verlor, war noch weniger wert. Die Väter bestimmten, was aus einer Tochter wurde, egal welche Wünsche das Mädchen selber hatte.
Mich hat dieses Buch gefesselt. Mario Giordano hat den Ton der Frauen recht gut getroffen, zeitweise hatte ich nicht das Gefühl, dass hier ein Mann den Roman geschrieben hätte. Die Kapitel sind nicht in der Reihenfolge. Sie springen zwischen den Frauen und Zeiten hin und her. Erst später kommt Marias Erzählung noch dazu.

In diesem Buch geht um Liebe, Hass und Eifersucht. Um Sizilien, Gespenster, Aberglaube und Sehnsüchte. Die Emanzipation und das freie Leben. 70 Jahre einer Familie, die sich leicht lesen lassen und auch einen angenehmen, feinen Spannungsbogen hat. Ich finde, dass Buch hat 🐭🐭🐭🐭 verdient.

Der Autor

Bisher habe ich von Mario Giordano nur einen Krimi gelesen. Tante Poldi und die Früchte des Herrn fand ich sehr witzig. Hier hat er aber auch bewiesen, dass er auch gute Romane schreiben kann. Die Frauen der Familie Carbonaro ist ja nicht der erste ernste Roman. Mario Giordano ist vielseitig, schreibt Drehbücher (unter anderem für den Tatort), Kinder- und Jugendbücher. 

 

Die Frauen der Familie Carbonaro

Ein Roman von Mario Giordano 
aus dem Goldmann Verlag
512 Seiten
ISBN: 978-3-442-31568-0