Die Verlorenen von Santa Chionia

23.10.2026 | Roman | 0 Kommentare

Eine junge Amerikanerin, Francesca Loftfield, wird in ein Bergdorf, nach Kalabrien in Italien ausgesandt. Sie soll den Kindern dort einen Kindergarten bauen. Oder besser gesagt »Die Verlorenen von Santa Chionia« retten. Na, ganz so heroisch geht es natürlich nicht zu. Als junge Frau und in einem Patriarchat, in dem Frauen nicht viel zu sagen haben, stößt sie natürlich an ihre Grenzen. Immerhin schreiben wir das Jahr 1960 und Kalabrien ist noch ziemlich konservativ.

Die Verlorenen von Santa Chionia

Die Maestra Francesca, wie sie von den Dorfbewohnern genannt wird, ist sehr bemüht, sich mit der Bevölkerung gut zu stellen. So übt sie die Sprache der Einheimischen, die sie mehr schlecht als recht sprechen kann. Griko, ist eine Mischung aus Italienisch, Kalabresisch und Griechisch. Die Bauarbeiten an dem Kindergarten verzögern sich, als durch einen mächtigen Regenguss ein Skelett aus einem Kellergewölbe des Hauses gespült wird. Sie befürchtet nun, dass ihr Vorhaben, diesen Kindergarten zu vollenden, mit den Fluten ins Tal verschwunden ist. Und auch der Versuch, sich mit den Einheimischen gut zu stellen, klappt nur mäßig. Bald taucht auch noch eine alte Frau auf, die Francesca um ihre Hilfe bittet. Sie vermisst seit über vierzig Jahren ihren Sohn und vermutet in dem Skelett den Verlorenen. Francesca wird zur Detektivin, zur Bittstellerin, zur Geliebten und Tochter.

Wenn ich ein Buch lese, das eventuell einen Bezug zur Wirklichkeit hat, suche ich im Internet oft nach den Orten, an denen meine Protagonisten sich herumtreiben. Das habe ich auch hier versucht. Aber entweder gibt es dieses Dorf wirklich nicht oder es wurde wie angekündigt an einen zugänglicheren Ort umgesiedelt. Es gibt ähnliche Orte in Kalabrien. Eng an die Berge geschmiegt, mit winzigen Gassen, in denen niemals ein Auto hindurchkommen würde. Selbst ein aufgespannter Regenschirm würde ein Hindernis darstellen. Orte, in denen die Zeit stillgestanden sein mag und nur wenig Fortschritt zu sehen ist. (Will nicht sagen, dass es wirklich so ist!)

Es ist kompliziert

Manche Bücher stellen sich einfach quer, wenn man sie lesen beginnt. Es ist vielleicht nicht ihr Moment, oder ich bin nicht bereit dafür. Dieses Buch habe ich etwas länger vor mir hergeschoben. Die ersten Seiten lasen sich etwas bockbeinig, aber dann fand ich mich in Kalabrien wieder, las die Erzählungen der jungen Frau. Sie hatte, Gott sei Dank, ein Tagebuch geführt. Nicht, dass dieser Roman in Tagebuchform geschrieben wurde, aber Francesca erzählt, was sie damals dort zwischen den Hirten und den kalabresischen Familien erlebt hatte. Wie schwierig es war, sich mit den Einheimischen auseinanderzusetzen. Ihren Auftrag, den Kindergarten zu bauen, durchzusetzen. Und gegen die Schweigsamkeit, die Männerherrschaft und die mafiösen Strukturen anzugehen.

Manchmal hat mich das Buch fast gelangweilt. Die vielen italienischen Namen, die Intrigen oder die Machenschaften, fanden nicht immer meine Zustimmung. Es ist ein Buch, welches man auf keinen Fall zu lange liegen lassen darf. Das Ende hat mich aber doch überrascht.
Rubi und ich geben diesem Buch 🐭🐭🐭. Ein Buch, welches große Aufmerksamkeit benötigt und vielleicht einen italienischen Leser, der sich in Kalabrien auskennen mag.

 

Die Verlorenen von Santa Chionia

ISBN 978-3-85256-934-5
Aus dem Englischen übersetzt von
Cathrine Hornung, Karin Fleischanderl
Originaltitel The Lost Boy of Santa Chionia
Seiten 528

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