von Andrea Karminrot | Mai 6, 2020 | Historie, Nachdenklich, Roman |
Der Reisende
Der Reisende ist ein Buch, das man unbedingt lesen muss. Man spürt die Verzweiflung und Verlorenheit des Kaufmanns Silbermann. Ein wirklich gut geschriebener kleiner Roman.
Silbermann, ein reicher (jüdischer) Kaufmann, fühlte sich eine Zeitlang recht sicher, in der Zeit, als Hitler seinen Spießgesellen die Freiheit gab, mit den Juden machen zu dürfen, was sie wollten. An dem Tag, als Silbermann sein Wohnhaus verkaufen wollte, schlug die SS an seine Tür. Alle Juden wurden verhaftet und in Lager oder Gefängnisse verbracht. Silbermann’s Frau, die nicht jüdisch war, scheuchte ihn aus dem Hinterausgang auf die Strasse. Nur seiner ruhigen und gesetzten Art, hatte es Silbermann zu verdanken, den Schurken durchs Netz zu gehen, ihnen zu entwischen. Aber wohin nun? Ohne Ausreisepapiere war er aufgeschmissen. Sein Kompagnon konnte ihm einiges an Geld geben, das er in einer Ledertasche bei sich trug. Aber ohne wirkliches Ziel und Möglichkeiten, kam er nicht aus Nazideutschland heraus. So fuhr er als der Reisende mit dem Zug durch Deutschland.
Silbermann, einst Chef eines gut laufenden Kontors, war plötzlich ein Nichts, ein Jude ohne Rechte, ohne Handhabe. Abhängig von Menschen, mit denen er gestern noch Geschäfte getätigt hat, denen er Anweisungen gab und vertraut hat. Unsicher sucht er nach Vertrauten, nach Menschen, die ihm zur Seite stehen würden. Doch oft genug traf er auf Verräter. Ständig kreisten seine Gedanken um Dinge, die er machen könnte und verwirft sie sofort wieder, weil er sich sicher ist, dass er dann einen Fehler machen würde. Er musste einen Weg finden, ins Ausland zu gelangen. So stieg er in einen Zug und begann eine seltsame Reise. Er wurde der Reisende.

Was ich gelesen habe
Silbermann, der Kaufmann, erzählt seine eigene Geschichte. Die Gedanken sind unermüdlich am Rotieren. Wohin nur? Und wie? Wem kann er noch vertrauen? Dinge, die einem sicherlich in einer solch brenzligen Situation durch den Kopf gehen. Von der ersten Seite an habe ich mit dem Mann mitgegrübelt. Wie würde ihm geholfen. Der Roman hat sich sehr zügig gelesen. Bewundernswert dafür, dass der Schriftsteller selber noch nicht besonders alt war. Ulrich Alexander Boschwitz schrieb diesen Roman mit 24 Jahren. 1915 in Berlin geboren war er mit seiner Mutter nach Skandinavien emigriert. Dort schrieb er seinen ersten Roman, der ihm ein Studium ermöglichte. 1939 schrieb er dann „Der Reisende“ in England. 1942 wurde er dann nach Australien, als enemy alien interniert.
Auf seiner Rückreise, nach England, wurde Boschwitz‘s Schiff, von einem deutschen U-Boot torpediert. Sein letztes Manuskript ging (wahrscheinlich) mit dem talentierten Schriftsteller unter.
Klett-Cotta Verlag
303 Seiten
ISBN: 978-3-608-98154-4
von Andrea Karminrot | Apr. 14, 2020 | Bücher, Sachbuch |
Die zwei Päpste, ein Buch von Anthony McCarten
Die zwei Päpste ist ein Buch aus dem Diogenes Verlag. Und ich finde, das Bücher aus diesem Verlag schon immer einen ziemlich hohen Anspruch haben. Schon auf den ersten Seiten kam ich ins straucheln. So viele Begriffe und Situationen aus der Welt der Kirche, die mich etwas überforderten. Doch nach einigen Seiten gab es sich dann und ich fand mich in einer Art Biografie der letzten zwei Päpste wieder.

Aber wie kamen die beiden Päpste eigentlich zu ihrer Ernennung? Wie geschah es, dass Benedikt am 28. Februar 2013 zurücktrat und den Weg für den intelligenten und charmanten Jorge Bergoglio aus Argentinien beziehungsweise Papst Franziskus frei machte. Genau das erzählt uns auf 400 Seiten der Autor Anthony McCarten. Tatsächlich handelt es sich (wirklich) um ein Sachbuch, das aber so aufgebaut ist, dass es spannend genug ist und man einfach immer weiter lesen möchte. Die Kapitel sind recht kurz gehalten. Die Geschichte der beiden Männer so unterschiedlich. So wie es das Leben eben schreibt.
Es kam ja bisher nicht oft vor, dass es gleichzeitig zwei Päpste gab. Normalerweise muss erst ein Papst sterben, bevor der nächste gewählt werden kann. Allerdings gibt es einen Präzedenzfall, wo schon einmal ein Papst zurückgetreten ist. Den führte Benedikt an, um seinen Platz frei zu machen.
Was ich gelesen habe
Die beiden Päpste sind so gegensätzlich. In ihrem Handeln und Denken unterscheiden sie sich sehr. Genauso ist ihr Handeln als Oberhaupt der Kirche geprägt. In dem Buch werden die beiden Männer vorgestellt, wie sie dazu kamen sich in der Kirche zu etablieren, was sie zu dem machte, was sie heute darstellen. Ihr Werdegang, welche Umwege sie machen mussten, um zu dem zu werden, was sie heute sind.
Jorge Bergoglio kommt aus Argentinien, hat dort so manches erlebt, das in dem Buch beschrieben wird. Auch in welche Verstrickungen der junge Priester gelangt war. Es gibt scheinbar noch einiges, das nicht nachzuvollziehen ist und woraus dem Papst Franziskus ein Fallstrick gedreht werden kann. Aber auch Benedikt steht nicht unbescholten da. Auch ihm wird einiges vorgeworfen, das erörtert wird. Die Hintergründe zu lesen, fand ich spannend und wirft ein ganz neues Bild auf die Vorstände der katholischen Kirche.
Auch fand ich es interessant, wie es in einer Konklave zugeht. Wie ein Papst gewählt wird. Unter welchen Maßstäben ein Oberhaupt gewählt wird. Auch wenn es sich um ein Sachbuch handelt, sehr spannend und informativ.
Der Autor und die Übersetzerin
Anthony McCarten, ist ein neuseeländischer Schriftsteller, Dramatiker, Drehbuchautor und Filmproduzent. 1961 in New Plymouth geboren, hat er nach der Schule einige Zeit als Reporter gearbeitet. Stefanie Schäfer ist eine deutsche Übersetzerin, die aus dem Niederländischen, Afrikaans, Englischen und Französischen übersetzt.
Diogenes Verlag
400 Seiten
ISBN 978-3-257-07050-7
Ein Buch, das ich gerne zu den Monatsbücher April stelle.
von Andrea Karminrot | Feb. 13, 2020 | Hörbuch, Krimi, Rezension |
Die im Dunkeln sieht man nicht
Es ist schon merkwürdig, wenn ich ein Hörbuch höre, dann sind es meistens Krimi oder Thriller. Damit hat mich auch Die im dunkeln sieht man nicht gelockt.

Die im Dunkeln sieht man nicht? 1950 kommt Karl Wieners lebensunlustig und frustriert nach München, in seine alte Heimat zurück. Während des Krieges lebte er als Schriftsteller (Oder was auch immer!) in Berlin. Aber dort hält ihn nichts mehr. Geschrieben hat er ohnehin schon lange nichts mehr, und seine Frau und die Kinder sind Tod. Magda, seine Nichte, hat dafür gesorgt, dass er wieder nach München kommt und dort bei einer Zeitung, die erst im Aufbau ist, als Reporter arbeiten soll. Die junge Frau liebt ihren 17 Jahre älteren Onkel, doch ist das rechtens? Auch Karl scheint das forsche Mädchen, zu sehr in sein Herz geschlossen zu haben.
Es sind seltsame Zeiten. Noch hängt der Krieg und die Nazizeit in den Gemütern und den Gemäuern der Stadt. Überall blüht der Schwarzhandel. Die von Hitler gestohlenen Kunstwerke, die während Kriegsende aus dem Führerbau verschwunden sind, wären ein prima Einstieg in den Journalismus für Karl. Auch sein alter Klassenkamerad, der Kommissar Ludwig Gruber ist an dem Fall interessiert. Doch noch mehr wüsste Gruber gerne, wer einen Unternehmer, Anfang des Jahres ermordet hat. Die Wege der Männer kreuzen sich immer öfter und die alte Freundschaft bräuchte mehr Pflege, um wieder aufzublühen. Doch in dieser Zeit weiß keiner, was er von dem Anderen zu halten hat.

Was ich gehört habe
Mir gefiel der Klappentext des Romans. Andreas Götz wollte eigentlich einen Krimi aus der Nachkriegszeit schreiben. Fand aber schnell heraus, dass das Leben 1950 eigentlich mehr im Mittelpunkt stehen sollte. Der Krimi ist vielmehr ein roter Faden durch die Geschichte. Die Menschen sind noch nicht wieder gefestigt. Die jüdische Bevölkerung („die doch eigentlich ausgerottet sein sollte“), taucht wieder auf, nicht überführte Nazis treiben im Dunkeln ihr Unwesen und hetzen sich gegenseitig auf, Schieberbanden haben alle Hände voll zu tun. In vielen Häusern, kann man mehr schlecht als recht leben, und doch geht das Leben dort einfach weiter. Die Doktrin der letzten Jahre haftet immer noch an den Menschen. Nur die Jungen, scheinen sich aus der alten Zeit zu befreien. Im Dunkeln werden Bars erschaffen und in den Ruinen getanzt.
Mich hat das Buch in seinen Bann gerissen und ich musste es innerhalb kürzester Zeit durchhören. Allerdings hat mir der Sprecher nicht immer gut gefallen. Er zieht an manchen Stellen die Stimme so hoch, dass man denkt, jetzt kommt eine theatralische Stelle, aber dann passiert doch nichts. Was Richard Barenberg aber sehr gut kann, ist den Charakteren eine eigene Stimme zu verleihen. Dem Arroganten seinen Tonfall, dem Urbayer seinen Dialekt, der feinen Dame den näselnden Akzent. Seine Stimme ist sehr angenehm und warm.
Die fast 11 Stunden Hörzeit, für dieses komplett gelesenen Buch, fand ich recht kurzweilig. Mit einem Krimi, hat die Geschichte wie gesagt, fast nichts zu tun. Der Krimi/Roman ist eher eine Milieustudie. Ich habe mich prächtig unterhalten gefühlt.
Der Autor
Andreas Götz lebt in der Nähe von München, was sich dem Autor förmlich aufgedrängt hat, da er Land und Leute kennt. Seine Figuren sind ihm während seiner Arbeit an Die im Dunklen sieht man nicht, so sehr an Herz gewachsen, dass er schon über eine Fortsetzung des Romans nachdenkt. (Mich würde es freuen!)
Der Sprecher
Richard Barenberg hat in Leipzig Schauspiel studiert. Er fühlt sich allerdings nicht nur auf der Bühne zu Hause, sondern auch hinter dem Mikrofon oder vor der Kamera.
Ein Hörbuch von Andreas Götz
gelesen von Richard Barenberg
aus dem Aragon Hörbuchverlag
ISBN 978-3-8398-1746-9
Wahrscheinlich hat mich der Klappentext des Hörbuchs deshalb in seinen Bann gezogen, weil ich erst vor einiger Zeit einen Roman von Peter Prange beendet habe, der genau in dieser Zeit von Die im Dunkeln sieht man nicht endet.
von Andrea Karminrot | Feb. 10, 2020 | Krimi, Rezension |
Die Toten von Marnow
Mit diesem Krimi habe ich wohl meine Abneigung gegen Krimi, Thriller und Co überwunden. Die Toten von Marnow haben mir einen schnellen und unterhaltsamen Lesegenuss verschafft.
Lona Mendt und Frank Elling sind polizeiliche Ermittler in Rostock. Sie werden zu einem Mord gerufen, der ziemlich klar scheint. Elling bekommt von einer fremden Frau das Angebot, die Ermittlungen fallen zu lassen. Die Frau würde ihm sogar eine beträchtliche Summe zahlen, damit er den Mörder nicht mehr verfolgt. Der Rostocker Ermittler lebt über seine Verhältnisse hinaus, da wäre so ein Geldsegen schon recht verlockend.

Lona Mendt kommt aus dem „Westen“. Was sie nach Rostock verschlagen hat, ist nicht sofort ersichtlich. Die freiheitsliebende, attraktive Frau gondelt mit ihrem Wohnmobil ohne festen Wohnsitz durch die Gegend. Als die Ermittlungen sich an die Mecklenburgische Seenplatte verlegen, stellt sie ihr mobiles zu Hause auf dem Campingplatz in Marnow ab. Keine gute Idee, wie sich später heraus stellt.

Was ich gelesen habe
Das Ermittlerduo kommt total sympathisch rüber und man kann Elling tatsächlich verstehen, dass es ihn kribbelt, das viele Geld zu nehmen. Seine ganze heile Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein. Ich mochte den Kerl sofort. Auch Lona gefiel mir von Anfang an. So unabhängig möchte wohl jeder von uns gerne sein. Der Autor hat eine so leichte Schreibweise, lässt kaum Raum, das Buch weg zu legen. Manchmal flaut der Spannungsbogen kurz ab, dennoch wird es nicht langweilig, weil Holger Karsten Schmidt sofort wieder anzieht. Brutale Momente lösen sozialkritische ab. Welche Abgründe sich am Ende des Buches auftun, möchte ich doch lieber verschweigen. Nur eins, das wussten bestimmt nicht viele Menschen, hüben wie drüben!
Ich freue mich schon darauf, dass es wohl mehrere Bände mit diesem Polizistenpaar geben wird.

Der Autor
Holger Karsten Schmidt hat mit sechs Jahren schon seine erste Kurzgeschichte geschrieben. Seitdem scheint ihn das Schreiben nicht mehr los gelassen zu haben. Abgesehen davon das er so einiges studiert hat, kam er dazu Drehbuchautor zu werden. Filme wie Blade Runner inspirierten ihn. 2011 wurde sein Buch Isenhardt veröffentlicht und mit Die Toten von Marnow, schrieb er einen weiteren sehr gut lesbaren und unterhaltsamen Krimi. Dieses Buch wird auch verfilmt und soll im Frühjahr 2021 zu sehen sein.
Verlag KiWi-Paperback
480 Seiten
ISBN: 978-3-462-04794-3
Dieses Buch verlinke ich gerne bei den Bücher für den Februar und bei Monerl
von Andrea Karminrot | Okt. 31, 2019 | Jugendbuch, Rezension, Roman |
Kein Teil der Welt
Wenn man kein Teil der Welt ist, dann gehört man wohl nicht zu unserem normalen Leben dazu. In diesem Buch von Stefanie De Valesco geht es um zwei pubertierende Mädchen, die in einer besonderen Gemeinschaft groß werden. Die der Zeugen Jehovas. Und da gehört man eben nicht zu der normalen Bevölkerung. Die Menschen in dieser Glaubensgemeinschaft grenzen sich selber aus und warten auf Harmagedon, auf das Ende der Welt und nur eine geringe Anzahl Gläubiger werden im Paradies leben. So lange glaubt man an das, was in ihrer Bibel steht.

Soweit so gut.
Unsere Mädchen werden also bei den Zeugen Jehova groß, halten artig ihre Bibelstunden und Treffen im Königreichssaal ab. Sie befolgen die Gesetze, die die Gemeinschaft festgelegt hat und glauben an Jehova. Satan ist in fast allem Weltlichen. Geburtstage, Weihnachten und co werden nicht gefeiert. Aber die Mädchen werden erwachsen und gehen zudem in eine weltliche Schule, treffen dort andere Jugendliche, die sie wegen ihrem Glauben zeitweise sogar aufziehen. Und dann passiert es, dass sich eines der Mädchen auch noch in einen Weltlichen verliebt. Plötzlich fangen die Freundinnen an zu hinterfragen. Stimmt denn das alles was die Brüder und Schwestern ihnen da die ganze Zeit erzählen? All das hat am Ende fatale Folgen.

Die Erzählerin,
ist Esther, eine der beiden Mädchen. Sie erzählt in einer recht bildhafter Weise von ihrem Leben und ihrer Freundschaft mit Sulamith. Sulamith ist diejenige, die sich besonders von der Glaubensgemeinschaft abkehrt. Lidia, Sulamiths Mutter, kommt damit gar nicht klar und hat Angst, dass ihre Tochter aus der Vereinigung ausgeschlossen würde. Was heißen würde, dass keiner mehr mit dem Mädchen redet, sie förmlich unsichtbar wäre. Esther ist hin und her gerissen. Einerseits bemerkt sie auch Unstimmigkeiten in ihrem Leben, trotzdem weiß sie nicht, wie sie sich daraus befreien könnte. Die große Gemeinschaft ist gleichzeitig eine Familie, die füreinander da ist. Erst als Sulamith aktiv wird, fängt auch Esther an „aufmüpfig“ zu werden.

Was mich bewegt hat
Die beiden Mädchen leben in einer Welt, die ich so nicht kenne. Welche Gesetze die Glaubensschwestern und -brüder befolgen müssen, musste ich erst einmal erforschen. Kritisch las ich, was ich im Internet über die Zeugen Jehova fand. Ein Glauben, den ich nur von den Hausierern und Zeitungsverteilern in meiner Stadt kenne. Einerseits sah ich tatsächlich Positives in der Glaubensgemeinschaft. Aber immer wieder stieß ich auf Dinge, die ich nicht gutheißen mag. Am Ende ist aber jeder für sich selbst verantwortlich. Nur sind es wieder die Kinder, die in den Glauben gepresst werden. Eine eigene Entscheidung ist nur möglich, wenn sie sich von ihrer Familie abkehren. Und wer hat schon die Stärke auf seine Lieben gänzlich zu verzichten? Mich hat das Buch sehr bewegt.
Eine kurze Lesung von der Autorin selber findest du hier
Verlag Kiepenheuer&Witsch
ISBN: 978-3-462-05043-1
432 Seiten