Das Ende vom Lied
Das Ende vom Lied, ein Roman von Michael Wildenhaim erzählt von einem 13-jährigen Jungen und dessen Leben in Berlin der 1968er Jahre. Die Stadt ist geteilt, die Menschen sind noch nicht ganz über den Krieg hinweg und werden es wohl auch noch eine Weile nicht sein. Kriegsbeschädigte in Körper uns Seele sind nicht zu übersehen. Wildenhaim lässt seinen Jungen eine Geschichte erzählen, die einem eiskalt den Rücken runter kullert.

Das Ende vom Lied
Michael Wildenhaim hat einen wunderbaren und tiefgründigen Roman geschrieben, der ein besonderes Bild von einer Stadt und seinen Menschen zeichnet. Sein Ich-Erzähler ist ein schlauer Kopf, will aufs Gymnasium gehen. Er zieht mit seiner Familie aus Charlottenburg nach Schöneberg, muss sich dort erst wieder einleben, sich mit den Straßenjungen der Gegend auseinandersetzen und seinen Platz dort finden. Er hat Eltern, die mit Traumata aus dem letzten Krieg zu kämpfen haben, die aber versuchen ihren Kindern eine heile Welt vorzuleben. Dazu kommt das Erwachsenwerden und die erste Liebe zu einem Mädchen das allerdings mit dem stärksten Boxer der Gegend zusammen zu sein scheint.
Wieder einmal bin ich an einen Roman geraten, der sich am Anfang schwer anging. Aber wenn man das Muster des Romans verstanden hat und die Sätze nicht verschlingen mag, dann eröffnet sich eine spannende und vielschichtige Welt der Schreiberei. Der Autor liebt Bandwurmsätze mit vielen Kommata und Bindestrichen und manchmal „verrutscht“ der Leser in der Zeit und muss sich neu orientieren. Wenn man dann aber zwischen den Seiten angekommen ist, kann es passieren, dass man die 416 Seiten verschlingt. Es ist eher ein Roman, der sich an die älteren Leser wendet, oder solchen, die sich mit der Zeit der Revolution in Berlin der 60/70 Jahre auszukennen wissen. Manchmal verheddern sich die Erzählstränge und man versteht im ersten Augenblick nicht was man da gelesen haben mag. Manchmal habe ich über diese verwirrenden Sätze einfach hinweggelesen und fand einige Seiten später die Erklärungen.

Keine leichte Lesekost
Das Buch ist keine leichte Kost. Schwierig zu lesen und doch unterhaltsam. Vor allem, da ich in diesem Teil von Berlin aufgewachsen bin und ziemlich viele Schnittpunkte fand. Der Erzähler steckt zwischen den Fronten, wird gerade Erwachsen und findet heraus, wer er wirklich ist. Dazwischen die Protestaktionen der Studenten und die Machtkämpfe der Jungen von der Straße, die sich auch ein ums andere Mal bemüßigt finden, sich an den Protesten zu beteiligen. Die Aufklärung der eigenen Geschichte des Erzählers, die mit Betrug und Kriegstraumata einhergehen macht den Roman nicht leichter, da der Autor seine Sätze immer wieder gerne in verwirrende Stellungen bringt.
„Alle leiden darunter.“ – „Die Mauer tut einem nix. Die ist nur da.“ „Es werden Leute erschossen.“ „Nur welche aus dem Osten.“ Erschrockenes hüsteln, ungläubiger Blick … Das meint der Junge nicht ernst. „Was redest du da?“ „In Schöneberg gibt’s keine Mauer. In Charlottenburg auch nicht.“ „Darüber macht man keine Witze!“
Seite 167
Mir hat der Roman aber doch sehr gefallen. Vielleicht gerade, weil ich dort groß geworden bin und die Nähe zu dem Protagonisten sozusagen gespürt habe. Mir war die Mauer und die Fragen darum von der westdeutschen Verwandtschaft immer lästig, genau wie dem Erzähler des Romans.
Rubi fand den Roman dagegen schwer zu lesen und fand nicht immer die Zusammenhänge. Sie ist jünger und weiß nicht, wie es sich zwischen den Mauern Berlins angefühlt haben mag. Trotzdem geben wir dem Roman gerne 🐭🐭🐭🐭

Der Autor ist Westberliner. 1958 in Charlottenburg geboren, gehörte er in den 1980er Jahren für einige Zeit einer jungen Hausbesetzergruppe an. Seit 1987 schreibt Michael Wildenhain und hat schon einige Bücher, Romane, Theaterstücke, Lyrik, Prosa, Jugendliteratur und Sachbücher herausgebracht. Ich muss gestehen, das war mein erstes Buch von ihm, sollte aber nicht das Letzte gewesen sein.
Das Ende vom Lied
geschrieben von Michael Wildenhaim
416 Seiten
aus dem Klett-Cotta Verlag
ISBN:9783608989212













Auf diesem Buchblog zeige ich dir die Bücher, die ich lese. Meistens ist es zeitgenössische Literatur und manchmal befindet sich auch ein Krimi in meinem Bücher-Regal. Wenn ich eine Rezension schreibe, lasse ich mich nicht beeinflussen und gebe meine eigene Meinung zu dem Buch wieder. 


