Das Sandkorn

Ein Mann geht durch die Straßen Berlins der zwanziger Jahre. Manchmal bleibt er stehen, greift in seine Taschen, zieht ein Beutelchen mit Sand heraus und streut ihn in auf die Straße, vermischt ihn mit dem Berliner Sand. Als man auf ihn aufmerksam wird, bringt man ihn in die „Rote Burg“, Berlins größte Polizeiwache dieser Zeit.

Quelle: Zenodot Verlagsgesellschaft mbH, 
Postkarte, Fotograf unbekannt 

Dort sitzt er Franz von Treptow, dem leitenden Kommissar gegenüber. Der Mann scheint verdächtig, soll mal erzählen…und Jacob Tolmeyn erzählt seine Geschichte. Nicht alles was Tolmeyn denkt, bekommt der Kommissar zu hören. Wir dürfen es aber lesen. Jacob ist vorsichtig, Tolmeyn hat gelernt sich zu verstellen. Er ist schwul und in dieser Zeit ist das eine Straftat. Darauf steht Gefängnis. Er erzählt über seine Forschungsreisen nach Italien auf den Spuren Friedrichs II. und wie er sich verliebt…
Seite 157: „die Leiter richtet sich zitternd und schwankend auf, nähert sich Grad um Grad der Lotrechten. Sie bleibt so eine Weile, in delikater Balance, gelehnt auf ein luftiges, federndes Kissen.“
Gleichzeitig werden uns die Gedankengänge des Kommissars erzählt. Franz von Treptow hat auch eine Geschichte. Er war Hauptzeuge bei dem *Eulenburg Prozess*. Dabei ging es um „die Freunde“, Homosexuelle, rund um den Kaiser. Welche gefährlichen Einflüsse diese auf den Kaiser gehabt haben. Treptow ist einer, der sehr genau hinsieht und zuhört. Nach seiner Ansicht, verbirgt jeder etwas. Er weiß längst, auf welchem Ufer Tolmeyn unterwegs ist.
Seite 319: „die 3 ist doch eine vermaledeite Zahl, denkt er, vor allem die Zwei in der Drei, die die einsame Eins macht.“
Mir hat das Buch sehr gut gefallen, es ist eines das man besser nicht weg legt. Es ist unglaublich blumig in alter Sprache geschrieben. Mit Worten, die teilweise schon fast vergessen sind. Das Buch verzaubert und entführt. Einmal darauf eingelassen, taucht man ab, in eine alte Zeit. Man begibt sich auf eine Reise durch Italien mit einem alten Bedaeker Reiseführer unter dem Arm.  Wenn man das Buch aufmerksam liest bekommt man auch noch eine kostenlose Reise durch Norditalien mit dem Beadeker Reiseführer aus dem Jahre 1910. Eine schöne Reise, die man sich unter den heutigen Begebenheiten nicht mehr vorstellen kann.

Die Geschichte scheint manchmal schwebend, wenn Tolmeyn erzählt. Bodenständig, wenn der Kommissar denkt und berichtet. Poschenrieders Sprache schickt uns auf eine Zeitreise in das Leben vor 100 Jahren. Herr Poschenrieder hat mich eingewickelt mit  seinen Sätzen.
»Das Sandkorn« wird nicht letzte Buch gewesen sein, dass ich von diesem Schriftsteller lesen werde.

Einige Male habe ich auch Wikipedia zu Rate gezogen, es tauchen alte Politiker und bekannte Personen in der Geschichte auf. Von dem Eulenburg Prozess hatte ich noch nie etwas gelesen, schade das man nur noch schlecht an die alten Zeitungsartikel heran kommt. In den Zwanzigern schwul oder lesbisch zu sein, stand unter Strafe, teilweise bis in die heutige Zeit. Und darum geht es in diesem Buch. Ich habe mir noch nie Gedanken um den Paragraphen 175 gemacht. Wusste nicht das er bis vor kurzem noch reell. Auf Wikipedia findet man mehr zum Thema § 175

Vielen Dank liebe Mara, das ich dieses Buch lesen durfte. Ich habe es gleich 2 mal gelesen 🙂

ISBN 978-3-257-06886-3

Diogenes Verlag 

Sie und Er

Die Anziehung der Gegensätze

ein Roman von

Andrea de Carlo

 

Er: Daniel Deserti,  Schriftsteller und etwas schrullig, wütend, aufmerksam. Er hinterfragt ständig,  beobachtet, analysiert.kritisiert. Er setzt sich über alles hinweg, was ihm nicht in den Kram passt. Genervt von allen Anderen und von sich überzeugt rennt er durch die Welt. Beziehungsgeschädigt, Vater zweier Kinder, die in England bei ihrer Mutter leben, trifft er auf Sie

 

Sie: Clare Moletto, Amerikanerin, versessen auf Bewegung.  Liirt mit einem egoistischen Italiener aus Mailand, der unter der Fuchtel seiner Mutter steht. Die Beziehung zu dem Mailänder ist nicht überwältigend, ist aber sicher. Eigentlich hat noch keine Beziehung wirklich funktioniert. Sie versucht es Allen recht zu machen, steckt voller Zweifel, sich und anderen gegenüber. Sie trifft Daniel und ihre Welt gerät ins wanken.

 

Trotzdem Beide unterschiedlicher nicht sein können, zieht es sie zu dem Anderen. Sie verstehen einander ohne Worte. Es entwickelt sich eine Liebe die nicht ehrlicher sein kann. Mit allen guten wie schlechten Seiten.
Wer jetzt eine schnulzige Liebesgeschichte erwartet, ist bei Andrea De Carlo falsch.

 

In den  einzelnen Kapiteln, lesen wir mal aus seiner, dann aus ihrer Sicht. Das lockert ungemein auf und bringt uns den Beiden immer näher. Lernt sie verstehen. Genießt das Gegensätzliche.
Eine wunderbare Auseinandersetzung, Frau gegen Mann. Was in den Köpfen des Anderen vor sich geht, wie Beziehung funktioniert… Nicht von einander lassen können, trotzdem die Flucht in das Alleinsein. Denken können, atmen.

 

Ich fand dieses Buch interessant, habe Vergleiche mit dem eigenen Leben und dem meiner Freundinnen gezogen. Läuft es wirklich so in uns ab? Ich kann es nur empfehlen zu lesen, da kann jeder nur die eigenen Schlüsse ziehen.
Andrea De Carlo bringt auf jeden Fall einiges in Bewegung. Und er schreibt spannend.

Verlag : Diogenes
ISBN: 9783257242430
Flexibler Einband: 656 Seiten
oder als Ebook