Der Betrachter

In »Der Betrachter« findet man einen Roman über die Freundschaft, die Liebe, das Leben, den Neid, über Verrat und Verleugnung. Es geht um 6 Freunde die sich in Kindertagen zusammenfinden. Über eine Freundschaft die unverwüstlich erscheint, die aber wie sollte es anders sein, ihre Risse und Macken hat. Sechs Freunde und das Leben.

Der Betrachter

Hermann Loch kommt 1906 in den Niederlanden, in der Stadt Haarlem zur Welt. Sein Vater ist allerdings nicht zugegen, denn der ist Soldat in Österreich. Als Hermann zehn Jahre alt ist, kommt seine Mutter zu Tode und der Junge wird zu der Tante, der Schwester seines Vaters nach Wien gebracht. Der Junge muss erst einmal das Deutsche lernen und die Tante ist nicht die beste Lehrerin. Als sie selber zur Kur nach Baden fährt, überredet der Hauslehrer sie, Hermann mitzunehmen und in der Sommerschule anzumelden die neben dem Kurhaus jungen Menschen das Musizieren beibringen soll. Dort trifft der Junge das erste Mal auf seine zukünftigen besten Freunde. Béla den jungen Aristokraten aus Ungarn. Franzi, die Tochter eines Sozialisten, Bertl, dem Sohn eines Kartonagenfabrikanten aus Wien, Max, dem jüdischen Sohn seines Hauslehrers und Lotte. Ein bunter Haufen, der keine Vorurteile kennt.

Sie treffen sich immer wieder und später als junge Erwachsene in Wien. Sie verbringen viel Zeit miteinander und so langsam verweben sich ihre Geschichten. Hermann ist das Bindemittel, die Kittmasse, der stille Betrachter. Schon als Junge konnte Hermann wunderbar zeichnen und malen. Er kann studieren und wird zum Dozenten an der Kunstakademie, unterrichtet die jungen Restauratoren. Das Leben um ihn herum bekommt er ein bisschen vernebelt mit, sieht die Zusammenhänge immer nur dann, wenn es schon zu spät ist. So bemerkt er nicht, dass seine Freunde unter dem neuen NS-Regime genauso wie sein weiteres Umfeld immer mehr zerbricht. Hermann erzählt von seinem Leben in Wien und wie er mit den Freunden immer wieder in die Berge fährt, ist verwirrt, wenn sich wieder eine neue Situation auftut und ist der Freund, den man sich wünscht, wenn die Welt untergeht.

Unterhaltsam geschrieben

Der Roman »Der Betrachter« ist wirklich gut geschrieben. Hermann als Erzähler, als Freund und Betrachter. Er liebt seine Freunde, egal was sie machen und welchen Neigungen, Ideologien oder Konfessionen sie nachgehen. Er ist wie gesagt das Bindeglied. Manchmal dachte ich zwischenzeitlich, dass er ein großes Stück Naivität abgebissen hat. Er sprudelt über vor Liebe zu seinen Freunden und verzeiht viel. Aber am Ende … Tja, das werde ich jetzt nicht erzählen. Ich war jedenfalls begeistert von diesem Buch und von der Erzählweise. Der Roman ist sehr leicht zu lesen, neben der Unterhaltung zeigt ein Finger immer wieder auf die Zustände, den Wandel der Zeit, die Entwicklung zum dritten Reich. Vielleicht war es so, dass die Menschen dachten, dass es was Gutes hat, vielleicht hofften sie auf besserer Zeiten, Wirtschaftswachstum oder was auch immer und sie machten die Augen zu. Mich hat der Roman und seine Figuren jedenfalls auf der ganzen Linie abgeholt.

Rubi und ich geben dem Roman, Der Betrachter, gerne 🐭🐭🐭🐭🐭 ein absolut lesenswerter Roman. Spannend, wunderschöne Bilder im Kopf und gleichzeitig sehr kurzweilig.

 

 

Der Betrachter

ein Roman von Judith Fanto
aus dem niederländischen
übersetzt von Christiane Burkhardt
432 Seiten
ISBN: 978-3-0369-9549-6

Grenzgang – Die Belagerung von Neuss

Grenzgang – Die Belagerung von Neuss ist eine Kurznovelle von Nina Casement. Es geht dabei um die Belagerung von Neuss im Jahre 1474 -1475 aus der Sicht eines 11-jährigen Mädchens namens Luitgard.

Grenzgang

Die Autorin hatte mich gefragt, ob ich ihre Kurznovelle lesen mag, sonst wäre ich nie über dieses kleine E-Book gefallen. Das Titelbild hätte mich wahrscheinlich auch nicht eingefangen, dabei passt es hervorragend zu der kurzen Geschichte.
Der Leser begleitet die Elfjährige ein Jahr lang. Luitgard und ihre Mutter, den Vater gibt es nicht mehr, kommen nach Neuss und mieten sich dort in ein winziges Häuschen in der Stadt an der Stadtmauer ein. Nicht lange, nachdem die beiden sich eingelebt haben, zieht der Herzog von Burgund, Karl dem Kühnen, vor die gut befestigte Stadt Neuss und beginnt eine Belagerung. Das Mädchen berichtet davon wie sie mit ihren Freundinnen erst noch recht sicher auf den Straßen spielt. Immer schwieriger wird das Leben, denn die Lebensvorräte werden knapp und die damals stärkste Armee bleibt hartnäckig vor den Toren in Stellung. Kanonenkugeln fliegen, Gräben werden zugeschüttet und wieder geflutet. Kurz gesagt, das war ein Gemetzel und die Bewohner der Stadt, die eigentlich gar nichts mit den Querelen der Oberen zu tun hatten, waren mal wieder die Verlierer.

Spannend und mitreißend

Das kleine Büchlein, dass die Autorin im Mai 2026 via tolino media veröffentlicht (Werbelink) hat, ist wirklich sehr spannend. Ich habe die knapp 40 Seiten schnell gelesen und habe mit der kleinen Luitgard mitgefiebert und gelitten. Die Autorin hat die Zustände damals wohl gut recherchiert. Ich habe schon mehrmals Bücher aus dieser Zeit gelesen und immer ging es dabei um die Männer und Frauen in den Burgen und auf den Chefsesseln dieser Zeit. Niemals habe ich mir Gedanken um die Menschen in der Stadt gemacht. Welche Verluste sie hinnehmen mussten, welchen Hunger sie aushielten und wie viel Zusammenhalt es dabei gab und wie viel Zerstörung schon damals durch einen unnützen Krieg entstand.
Ich hätte mich sehr gefreut, wenn die Geschichte weitergegangen wäre. Denn nachdem die Stadt befreit war, endete das Büchlein. Nina Casement hat eine wirklich mitreißende und spannende Art zu schreiben. Ich würde mich über mehr freuen!

Von uns bekommt die Kurznovelle 🐭🐭🐭🐭 Ein spannendes kleines Buch, dass man mal schnell gelesen hat und Hunger auf mehr macht.

Grenzgang – Die Belagerung von Neuss

von Nina Casement
eBook
ISBN:B0H36FCGYV
39 Seiten
Verlag:via tolino media

Die üblichen Mauern

„Die üblichen Mauern“ ist ein Roman von Gerhard Weinreich. Es geht hierbei, um einen Bischof, auf den der Verdacht fällt, einen Mann umgebracht zu haben. Der Staatsanwalt scheint, aus dem ganzen keine große Sache machen zu wollen und beschäftigt sich lieber damit sein eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Dazu kommt noch ein Monsignore Ries, der sich nicht an sämtliche Regeln hält. Der Autor bringt (ein schmunzelndes) Licht hinter die Mauern der katholischen Kirche.

Die üblichen Mauern

Gerhard Weinreich hat einen unterhaltsamen Roman-Krimi geschrieben. Seine Figuren haben unendlich viele Gedanken, die den Leser immer wieder zum Schmunzeln bringen. Allerdings kann sich der Leser auch immer wieder darin verheddern. So erging es mir jedenfalls. Warum muss ich wissen, was der Salatsoßenfleck auf einem gepunkteten Kleid anrichtet oder warum sich der Staatsanwalt unwohl fühlt mit klackernden Schuhen durch das endlos große Büro des Bischofs zu gehen? Aber dadurch werden die Mitspieler auch lebendiger.

So richtig überzeugt hat mich das Buch allerdings nicht. Mir waren es zu viele Informationen, zu viel drumherum, sodass ich oft den Faden verloren habe und nicht mehr wusste welcher Mission wir gerade verfolgen. Man liest unglaubliche viele Dialoge, und Gedankengänge. Was ich mir dagegen sehr gut vorstellen könnte, wäre diesen Roman zu verfilmen. Die Mitwirkenden haben allesamt etwas auf dem Kerbholz, mal mehr mal weniger und ihre Dialoge sind schon Recht witzig gehalten. Monsignore Ries mag dabei noch die unterhaltsamste Figur gewesen sein.
Gerhard Weinreich hat eine besondere Art seinen Roman zu schreiben. Manche sagen, es sei spritzig. Wer es lustig mag und schnell ins Lachen kommt, der ist hier bestimmt gut bedient.

Rubi und ich geben dem Roman 🐭🐭🐭. Sprachlich wirklich interessant. Schmunzeln inklusive. Vielleicht auch ein bisschen kritisch gegen die Kirche und ihre Versteckspiele. Bischöfe, die machen, was sie wollen, die ihre Macht ausnutzen.

 

Die üblichen Mauern

ein Krimi-Roman von Gerhard Weinreich
203 Seiten
aus dem sisifo Verlag
ISBN: 978-3-86660-316-5

Die unbekannte Sally Hemings

Wer war diese unbekannte Sally Hemings? Eine wunderschöne Frau, die 1773 als Tochter eines Weißen und einer Sklavin in Virginia auf die Welt kam. Sie hatte eine fast helle Hautfarbe und wurde die Geliebte des Präsidenten Thomas Jefferson. 

Und Gott wusste, wie viel Sklaverei in der Liebe lag… Seite 70

Die unbekannte Sally Hemings

Viele Geschichten der obersten Persönlichkeiten werden lange unter Verschluss gehalten. so auch diese Geschichte von der fast weißen Sklavin Sally Hemings, die eine tiefe Liebe zu ihrem Herren Thomas Jefferson gehegt haben muss. Denn sie verließ Virginia nicht, obwohl ihr damaliger Herr verstorben und sie somit die Freiheit erlangt hatte. Sie blieb und wer ein Jahr in Virginia bleibt, der ist wieder Sklave. Sie wollte das Land, in dem sie groß geworden ist, wo ihr Geliebter begraben liegt, nicht verlassen. Hier wo sie all ihr Leben verbracht hat, ihre Kinder zur Welt kamen und sie in einem großen Anwesen fast was zu sagen hatte, konnte und wollte sie nicht gegen die Freiheit eintauschen.

Eigenwillig und stolz

In diesem Roman wird von der eigenwilligen und stolzen Frau erzählt, die an der Seite von Thomas Jefferson gelebt hat, ohne das es an die Öffentlichkeit kam. Dabei hatte Sally schon als Jugendliche die Möglichkeit in Paris ihr Sklavendasein zu beenden. Als jugendliche kam sie mit der Tochter von Jefferson zusammen nach Paris. Sally bekam Französisch unterrichtet, sie trug schöne Kleidung und ihr Bruder, der als „Butler“ den Präsidenten begleitet hat, ging in eine Kochlehre, die ihm in Frankreich alle Türen geöffnet hätte. Aber die beiden fuhren nach mehr als einem Jahr mit der Familie Jefferson wieder nach Amerika zurück in die Sklaverei. Dort blieben sie bis an ihr Lebensende. Sally gebar Thomas Jefferson sechs Kinder …

In dem Roman wird die Geschichte (nicht dauerhaft) von einem jungen Mann erzählt, der die schöne Sklavin in ihrer Kate auf dem Anwesen Monticello in Virginia besucht. Auch er erliegt dem Charme der selbstsicheren und wenn auch alten Frau. Er besucht sie immer öfter und kommt selber in Verruf, was ihn aber nicht stört.

Verbotene Liebe

Für mich sind solche Bücher immer wieder spannend. 200 Jahre wurden die Beweise unter Verschluss gehalten. Keiner sprach darüber, was sich auf dem Anwesen Monticello in Virginia abgespielt hatte. Nun hat Barbara Chase-Riboud aus den Fakten einen Roman gemacht der mitreißen sollte, der die Geschichte neu schreiben könnte. Aber mir hat es nicht immer gefallen diese Geschichte zu lesen. Zeitweise war es mir ein bisschen zu langatmig, zu verwirrend und ich konnte die Reaktionen Sallys nicht nachvollziehen (das hat allerdings das Leben geschrieben und ist nicht der Schriftstellerin anzukreiden). 
Dass die Geschichte immer wieder von dem jungen Mann Langdon erzählt wird, lockert es ein bisschen auf. Aus seiner Sicht erzählt er von Sally, die ihn maßlos fasziniert hat. Sie ist einfach sehr eloquent, kann sich ausdrücken und umschmeichelt ihr Gegenüber. Die Geschichte hat das Leben geschrieben, die Autorin B. Chase-Riboud hat sie in ein Buch gebannt. Wenig weiß man von Sally Hemings. Sally, wie auch Thomas Jefferson haben ihre komplette Korrespondenz dem Feuer übergeben, sie vernichtet, weshalb man sich bestimmt auch einiges zusammenreimen musste. 

Ich konnte nur immer wieder den Kopf schütteln. Kann Liebe wirklich so blind machen? War das Abhängigkeit, Erpressung? Und natürlich auch Sklaverei! Sally hätte ein anderes Leben führen können, hat sie aber nicht. Der Roman selber hat mich jetzt nicht überzeugt. Ich fand es manches Mal zu träge, langatmig. Im nächsten Kapitel ging es dann plötzlich wieder etwas schneller voran und war unterhaltsam. Schwierig zu sagen, was mich bei der Stange gehalten hat. Von uns bekommt der Roman 🐭🐭🐭. 

 

Die unbekannte Sally Hemings

ein Roman von Barbara Chase-Riboud
aus dem Diogenes Verlag
Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Werner Peterlich
624 Seiten
ISBN 978-3-257-07371-3

Die Austernfischerin

Die Austernfischerin ist der Debütroman von Celine Edinger. Ein Buch das ein bisschen auf mich nachwirken musste. Celine Edinger schreibt als wären die Leserinnen dabei. Ihre Sätze nehmen auf jeden Fall mit. Machen das Gelesene nicht langweilig, lassen Emotionen spüren. 

Die Austernfischerin

Lydia und ihr Freund Hendrick machen Urlaub in Dänemark, in dem Haus seiner Mutter Elna. Elna scheint nicht ganz einfach zu sein. Sie wirkt wortkarg, spröde, irgendwie zurückgezogen. Ein bisschen wie die Austern, die sie von den Austernbänken im Meer sammeln geht. Wenn man ihr zu nahe kommt, wenn das „Licht angeht“ dann verschließt sich die ältere Frau. Vor allem mit ihrem Sohn Hendrick hat sie ein Problem, dass niemals zur Sprache kommt. Dafür scheinen Lydia und Hendrik anfangs gar keine Probleme zu haben. Erst als die beiden Liebenden länger in Dänemark weilen entspinnt sich ein zartes Gefühl bei Lydia und Elna, dass nicht ganz zu fassen ist und doch immer mehr im Raum steht und die Beziehung zwischen Hendrick und Lydia bröckelt.

Wie eine Auster

Schwierig zu sagen, was mich an dem Buch so fasziniert hat. Waren es die Sätze, die Zartheit die daraus gewachsen ist. Das zwischen den Zeilen stehende? Immer habe ich auf die große Katastrophe zwischen den Liebenden gewartet, aber stattdessen kühlte die Beziehung immer mehr ab. Auch fand ich die Situation zwischen Lydia und der Austernfischerin immer wieder sehr geladen und voller Empathie. Die Figuren an sich sind mir alle sehr ans Herz gewachsen. Jede für sich war wunderbar und fein beschrieben.
Allerdings hatte ich zwischenzeitlich fast das Gefühl, dass es mir zu Hautnah zuging. Aber nur fast, denn wenn es zu eng wurde, blendete die Autorin die Geschichte aus und hinterließ den Lesenden einfach seiner Fantasie. Das gefiel mir dann wieder.

Es ist nur ein kleines Buch. Nur 240 Seiten, die aber die Autorin mit sehr vielen Gefühlen vollgepackt hat. Ich bin gespannt, wie sich ihr Autorenleben noch entwickeln wird, mit diesem Buch hat sie jedenfalls schon viele Punkte gesammelt. Von Rubi und mir gibt es verdiente 🐭🐭🐭🐭🐭. Ach ja, das Cover hat mich voll erwischt, ich liebe dieses Bild einer Auster sehr. Und die Metapher in dem Buch zu den Austern fand ich sehr gelungen.

 

Die Austernfischerin

Ein Roman von Celine Edinger
aus dem Kein&Aber Verlag
240 Seiten
ISBN: 978-3-0369-5182-9