Der Tag an dem ich fliegen lernte

„an einem Februar Tag des Jahres 1893…“

Das ist nicht der Anfang! Am Anfang stand die Geburt von Luisa,1994. Und ihre Mutter setzte sich im Krankenhaus, kurz nachdem sie das Kind auf die Welt gebracht hatte, aufs Fensterbrett, hält die kleine Luisa mit weit ausgestreckten Armen von sich, und läßt das Baby einfach fallen…

» Fergus war da gewesen – zur richtigen Zeit am richtigen Ort, wie man so sagt, und wir konnten gar nicht anders, als Ihn in unseren Herzen zu schließen: in Pauls, das plötzlich so leer und hohl pochte, und in meines, das – zwar erst schmetterlingsgroß – Platz hatte für eine ganze Welt. «

Ein Mann ging unten vorbei und griff das fliegende Kind aus der Luft. “Der Tag an dem ich fliegen lernte”
Und dann verschwand Aza. Einfach so und ließ Paul und das Baby allein.
Luisa (Die Hauptfigur) erzählt ihre Geschichte, wie sie in der WG bei ihrem Vater Paul aufwächst. Behütet zwischen den verschiedenen Charaktere der Wohngemeinschaft, vermisst sie ihre Mutter nicht.
Sieben Jahre nach der Geburt Luisas machen sich Paul und das Kind auf die Suche nach der Mutter. Eine Reise von München über Hinterdingen in Bayern, nach Brasilien. Zwischendurch erzählt uns Luisa auch von ihren Vorfahren, eben aus dem Jahr 1893. Wie diese nach Brasilien kamen und dort ein Bayrisches Dorf gründeten, woher Aza, ihre Mutter stammte.

Stefanie Kremser schreibt ihren Roman in einer erfrischenden Weise.
Munter plätschern die Worte förmlich aus dem Buch heraus und veranlassten mich, schnell weiterzulesen. Wortgewand lässt uns Stefanie Kremser an der Welt von Lulu -Luisa- Lullababy… teilhaben.

»…Wie echt sich die Erinnerung ans Gewesene und ans Vorgestellte anfühlte und dabei derart zusammenschmolz, dass ich befürchtete, Erlebtes und Erzähltes nie wieder auseinander halten zu können… «

Diesen Gedanken hatte Luisa als 7 jährige, während sie die Geschichte ihrer Mutter und deren Vorfahren, erzählt bekam.
Für mich ein wirklich gelungenes Buch, was Spaß macht, zu lesen. Es liest sich sehr schnell und ist kurzweilig. In dem Buch findet man massenhaft schöne Sätze, über die man auch mal nachdenken kann. Auch Brasilien wird einem etwas näher gebracht.

Wer mehr über die Autorin wissen möchte:
Stefanie Kremser beim Kiwi Verlag

Erschienen bei Kiepenheuer&Witsch
Kiwi Verlag
ISBN: 978-3-462-04705-9
304 Seiten, gebunden
oder als Ebook

Deutscher Meister

Ein außergewöhnlicher Boxer

Ein Roman von Stephanie Bart

 …Denn so, wie Trollmann boxte, hatte man zu seiner Zeit noch nicht geboxt, und gern wäre Breitensträter noch einmal ganz jung gewesen, um das zu erlernen. Allein seine Beinarbeit war phänomenal, und wie er das Rückwärtslaufen einsetzte und noch aus dem Zurückweichen heraus Wirkungstreffer setze, war unglaublich, und niemand konnte so überzeugend wie er Schläge antäuschen und mit den Füßen  fintieren. Er war eine echte Begabung, wen, wenn nicht ihn, sollte man um den Titel kämpfen lassen… 

Im Frühjahr 1933 tobt das Leben in Berlin.

Während Adolf Hitler seine Säuberungsaktionen durchführen lässt und viele Boxer, Trainer und ihre Manager von den offiziellen Listen gestrichen werden,  bereitet sich Johann Rukelie Trollmann darauf vor, Deutscher Meister zu werden. Obwohl Zigeuner, glaubt er an einen Sieg. Doch sein echter Gegner heißt nicht Witt, sondern Hitler, besser noch die Handlanger des deutschen Boxsport.
Das Buch erzählt ein halbes Jahr in dem Leben des jungen Boxer. Für seinen Kampfstil zu früh geboren und Sportler im falschen Land, zu einer Zeit die nichts übrig hatte für „Andersartigkeit“.
Stephanie Bart schreibt eine Geschichte wie einen Film. Ständig springt sie in den Spielorten hin und her. Ihre Figuren treffen einander und geben sich den Erzählstab sozusagen in die Hand. Bart erzählt aus allen Richtungen und mit jedem ihrer Helden. Es fällt aber nicht schwer ihrer Erzählung zu folgen. Es bleibt spannend.
Genauso umschreibt sie das Kämpfen und Trainieren mit kurzen abgehackten Sätzen und Wörtern, das man wahrlich Kopfkino hat:
Dirksen, vor ihm stehend,  legt die Linke an die rechte Körperseite, nämlich an die Leber, und hielt die Rechte neben dem Kopf . Trollmann, einatmend hoch, sah die Pratze auf der Leber noch in der gebeugten Haltung und winkelte den linken Arm gar nicht erst an den Körper an. Sondern: holte  im Aufrichten mit einer Drehung aus der Hüfte nach hinten weg zum Haken aus. Ausholen, einholen, die Weltkugel unter der Achsel, die ganze Welt mit dem Arm umfahren – etwas zu weit, dachte Dirksen -, den Arm von der Fliehkraft beschleunigen lassen, rund rüberzischen und zack!, mit einem gegenläufigen Ruck in Hüfte und Schulter rein in die Leber-Pratze,  genau neben den Mittelpunkt –  siehste,  dachte Dirksen…

So lesen wir das öfter, und es macht Spaß!

Einzig die vielen Namen machen Kopfzerbrechen. Und wenn man sich nicht vorher etwas mit dem Thema Trollmann auseinander gesetzt hat, könnte etwas fehlen.
Die Stadt Berlin zu kennen, ist auch von Vorteil. Nicht oberflächlich, besser so ein bisschen, wohin die Helden dieses Buches zu Fuß unterwegs sind.
Stephanie Bart zeigt uns ein Berlin der 30er, mit der Kodderschnautze der Berliner und dem ständigen Lebensmut.

Für mehr Informationen :kreuzberger-chroniken

Fester Einband: 384 Seiten
Erschienen bei HOFFMANN UND CAMPE VERLAG GmbH,
12.08.2014
ISBN 9783455404951