Ozean

08.11.2026 | Roman | 0 Kommentare

»Niemand hätte jemals den Ozean überquert, wenn er die Möglichkeit gehabt hätte, bei Sturm das Schiff zu verlassen.« (Seite 40) 

Den Ozean zu überqueren, die Widrigkeiten auf sich zu nehmen. Die Situationen annehmen, die einem begegnen. Sein Leben leben, so übel es auch immer sein möge, das beschreibt die Autorin Katharina Höftmann in ihrem neuen Roman mit wundervollen Worten.

Den Ozean überqueren

Friedchen Pfeil kommt aus dem unteren Milieu. Sie muss schwer arbeiten. In einer Kleinstadt findet, in einem jüdischen Haushalt, eine gute Anstellung als Dienstmädchen. Die Hausherrin ist freundlich zu ihr, bezahlt sie sehr gut und unterstützt die junge Frau dabei, besser lesen zu lernen. Als Friedchen eines Abends unterwegs ist, wird sie missbraucht und von diesem Unbekannten schwanger. Unter diesen Umständen (sie hat schon einen Bauch und kann den nicht mehr verstecken) muss Friedchen in eine Klinik, in der sie auf die Nichte ihrer Hausherrin trifft. Paula will Gynäkologin werden. 1932 ein außergewöhnlicher Beruf für eine Frau. Sie trägt Hosen, liebt das Leben und kommt aus Berlin. Alles das, was Friedchen nicht kennt, und doch bewundert sie die junge Frau. Als Jüdin hat es die hübsche Paula in diesen Zeiten schwer.

Friedchen bringt ihr Kind zur Welt und Paula hilft ihr dabei, das Kind einer fremden Familie zu übergeben. Paula beschließt, die junge Mutter aufzuheitern, und nimmt Friedchen mit nach Berlin. Dort trifft Friedchen den Mann ihres Lebens, Maxi den Cousin von Paula. Verliebt und ausgelassen erleben die Drei, einen der letzten glücklichen Sommer.

Friedchen und Paula

Der Roman springt in den Zeiten. Der Leser begleitet die Familie Friedchens und Paulas durch eine Zeit bis ins Jahr 2023, in den Kibbuz nach Israel, zu deren Urenkelinnen. Das Buch ist so gut erzählt, dass ich Seite um Seite verschlungen habe. Friedchen ist eine so sympathische Figur und auch Paula, mit ihrer lebenslustigen Art, hat mir gut gefallen.

Die Autorin hat eine wunderbare Art, den Leser einzufangen. Die Worte kullern wie Wellen über den Leser. Ein Ozean voller Worte und Gefühle. Wunderbar verpackt in eine aufregende, sehr traurige und wütende Geschichte. Ich mochte Friedchen auf Anhieb, und auch Paula ist eine unglaubliche Figur. Allerdings haben mich die Umstände immer wieder zum Luftanhalten gebracht. Maxis Geschichte macht traurig und Mut. Ein positiv denkender Charakter. Es ist natürlich nichts Neues, wenn vom Krieg, der Judenverfolgung und den Konzentrationslagern erzählt wird. Aber man kann davon nicht genug lesen, alleine schon, um nicht zu vergessen! Aber die Geschichte führt uns weiter, nach Israel, in den Kibbutz. In ein Land, das immer noch von Bomben erschüttert wird. Zu den Kindern und Kindeskindern von Paula und Friedchen. In ein Land, das sich verteidigen muss. Zu Menschen, die in Bunkern leben und hinter den »sichersten« Zäunen der Welt, die scheinbar auch nicht sicher genug waren.

Ich habe in diesem Buch eine große Liebe und Lebenslust gefunden, aber auch Wut, Enttäuschung, Veränderung und Angst. Die Autorin Katharina Höftmann lebt in Israel, und war dabei, als am 7. Oktober die Hamas angegriffen haben und der Krieg in Nahost wieder aufgeflammt ist.

Das ist ein Buch, das ich bestimmt nicht vergessen werde. 🐭🐭🐭🐭🐭 hat es auf jeden Fall verdient.

 

Ozean

ein Roman von Katharina Höftmann
aus dem Diogenes Verlag
336 Seiten
ISBN 978-3-257-07393-5

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