Wer kennt sie nicht, Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, Urmel aus dem Eis, oder Kalle Wirsch, der König der Erdmännchen? All diese Figuren kommen in dem Buch Herzfaden, eine Geschichte über die Entstehung der Augsburger Puppenkiste vor. Das Marionetten Theater hat viele Kinder- und Erwachsenenherzen höher schlagen lassen. Als Kind saß ich immer vor der Flimmerkiste um mir die Geschichten anzusehen. Gut gebrüllt Löwe ist mir bis heute die liebste Geschichte. Wir hatten eine Langspielplatte und können bis heute den kompletten Text auswendig hersagen.

Was lag da näher, als direkt nach dem Buch Herzfaden zu greifen. Eine Geschichte über die Entstehung dieses wunderbaren Puppentheater. Thomas Hettche hat es in einen perfekten Roman verpackt.

Es beginnt damit, dass ein Mädchen sich nach einer Vorstellung in dem Theater der Augsburg Puppenkiste, vor ihrem Vater, weinend in einer dunklen Ecke versteckt. Als ihre Tränen versiegt sind, entdeckt sie eine kleine verborgene Tür, die sie öffnet und sich über eine dunkle Treppe, nach oben ins Dach schleicht. Dort oben ist es finster, bis auf einen Mondscheinteppich um den herum sich die komplette Marionettenbesetzung seit 1948 versammelt hat.

Dann taucht Hatü (eigentlich Hannelore Oehmichen die Tochter des Begründers Walter Oehmichen) auf. Auch scheint sie selber nur so groß zu sein, wie die Marionetten rund herum. Das Mädchen scheint geschrumpft zu sein. Hatü beginnt dem Mädchen ihre Geschichte zu erzählen. Dabei taucht dann auch noch der Kasperle auf, der ziemlich aufmüpfig und vielleicht auch ein bisschen gemein zu allen ist.

In jedem Menschen lebt ein Kind, ob wir neun Jahre alt sind oder neunzig. Und dieses Kind, das so verletzlich und ausgeliefert ist, das leidet und nach Trost verlangt und hofft, dieses Kind in uns bedeutet bis zu unserem letzten Lebenstag unsere Zukunft. (Michael Ende)

Was mir sehr gefallen hat war, dass die Geschichte in zwei Farben geschrieben ist. So kann man sofort erkennen, in welcher Zeit man sich gerade befindet. Die unendliche Geschichte, von Michael Ende, wurde damals auch zweifarbig geschrieben. Michael Ende schrieb auch Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer, der erste Film, der in der Puppenkiste gedreht wurde.

Auch sind schöne Zeichnungen der Augsburger Marionetten zu bewundern. Die Zeichnungen von Matthias Beckmann in diesem Buch entstanden nach Puppen der Augsburger Puppenkiste

Doch auch der Roman ist ganz wunderbar geschrieben. Thomas Hettche vermittelt Geschichte und lässt Erinnerungen wach werden. Er schreibt unverblümt, aus der Sicht von Hatü, die 1931 geboren wurde und den Krieg als Kind erlebt hatte. 1943 gründete sie mit ihrem Vater den Puppenschrein, der während einer Bombennacht zerstört wurde. 1948 erst entstand die heutige Puppenkiste. Wie hat die kleine Hatü sich damals gefühlt. Eines aber ist sicher, sie war mit dem Herzfaden mit den Puppen verbunden. Es ist aber auch eine Geschichte über das Erwachsen werden.

„Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar.“ der kleine Prinz

Ganz klar eine Leseempfehlung für Jung und Alt.

Von Thomas Hettche
Verlag: Kiepenheuer&Witsch
288 Seiten
ISBN: 978-3-462-05256-5

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